Skitouren Touren

Hocharn: Vom Nebel ins Licht

Die Tour auf den Hocharn ist eine Konstante in der Saison vieler Bergsportler. Jedes Jahr pilgern von März bis in den Mai hinein unzählige ins Raurisertal, um über die Süd-Ost-Flanke des Hocharn auf den Gipfel zu gelangen. Kein Wunder, gilt die Besteigung des Hocharn doch als eine der schönsten Frühjahrsskitouren im Salzburger Land.

Im hintersten Winkel des Raurisertals, dort wo die Rauriser Ache ihren Ursprung nimmt, starten wir unsere Tour. Der Ort nennt sich Kolm-Saigurn. Eigentlich ist dies kein Ort. Für viele ist es wohl eine andere Welt. Die einzigen Häuser, die hier stehen, sind das Naturfreundehaus und einige eingeschneite Almen. Abgesehen von der mächtigen Nordwand des Sonnblicks und den Hängen des Scharecks und des Hocharns gibt es hier nicht viel zu sehen. Doch genau deshalb sind wir hier. Wir wollen diese Flanken überwinden und von oben sehen, wie sich die Ache ins Flachland windet.

Nach Kolm-Saigurn gelangt man über eine auch im Winter geräumte Mautstraße. Am Ende der Straße befindet sich ein Parkplatz, an dem man sein Auto kostenlos abstellen kann. Abmarschbereit folgen wir nun dem Forstweg Richtung Naturfreundehaus. Wir tragen die Skier, bis wir zu einem Bächlein gelangen, in dem sich das Schmelzwasser der umliegenden Berge sammelt. Auf einem kleinen Steg überqueren wir den Wasserlauf und schnallen die Skier an. Das erste Stück ist ideal, um unsere müden Beine aufzuwecken. Gemächlich wandern wir über eine fast ebene Fläche und saugen die Umgebung in uns auf.

Erste Sonnenstrahlen kitzeln bereits die Bergspitzen, als wir über die weite Almfläche zunächst den Sonnblick ansteuern. Die Wetterstation auf seinem Gipfel reflektiert das helle Morgenlicht in das noch dunkle Tal. Ihr Anblick lässt uns vermuten, welch langen Weg wir noch vor uns haben. Mit 3.254 Metern ragt der Hocharn noch höher in den Himmel als der Sonnblick. Sein Gipfel verbirgt sich noch hinter vielen Kuppen und Scharten. Aufstieg im Blindflug sozusagen. Einen wahren Blindflug werden wir in wenigen Stunden noch erleben. Aber dazu später.

Am Ende des Flachstücks führt eine steile Mulde hinauf auf die Terrasse unterhalb der Nordwand des Sonnblicks. Oberhalb dieses ersten Steilstücks steht eine Stütze der Materialseilbahn zur Versorgung des Sonnblick Observatoriums. Sie dient uns als Orientierungshilfe und gibt die Richtung vor, in der wir uns durch die Rinne nach oben arbeiten. Häufig trifft man hier schon auf den unangenehmsten Teil der Tour und muss die Harscheisen anlegen. Die Mulde ist von unzähligen Abfahrern glattgerutscht und ausgefahren, die Kanten finden oft schwer Halt, eine Aufstiegsspur sucht man vergebens. Wir haben an diesem Tag Glück. Die Schneeoberfläche ist aufgrund des Südföhns nicht ganz hartgefroren.

Als wir aus der Rinne aussteigen, trifft uns der Wind mit voller Wucht. Der Föhn bläst stark und stetig. Von der breiten Terrasse sehen wir nun endlich die Aufstiegsroute über die Ostflanke des Hocharns ein. Die Spur beschreibt nach der Mulde einen weiten Rechtsbogen und windet sich langsam aus dem Schatten des Sonnblicks empor.

Wir überwinden mehrere Rücken und kürzere steile Passagen, bevor sich der enorme Steilhang in all seiner Wucht vor uns aufbaut. Der Schnee liegt wie eine schützende Matte auf dem Untergrund. Kein Fels ragt mehr durch die Oberfläche. Der Wind hat die Schneedecke unablässig bearbeitet und auf sein Fundament gepresst.

Wolkenfetzen steigen über die Goldzechscharte zwischen Sonnblick und Hocharn auf. Auf der Nordseite verflüchtigen sie sich wieder. Der Wind bleibt. Er nimmt weiter Fahrt auf und peitscht uns von der Seite Triebschnee ins Gesicht. Die feinen Schneekörner sammeln sich in der Aufstiegsspur und machen sie innerhalb weniger Minuten unsichtbar.

In langen Spitzkehren arbeiten wir uns auf 3000 Meter hoch. Der Gipfel ist immer noch nicht in Sichtweite. Vorbei an einer Kuppe dreht der Weg nun leicht nach links. Unter uns liegen die Reste eines verkümmernden Gletschers.

Fast unbemerkt hat uns plötzlich Nebel umhüllt. Eingeschlossen von einer dichten Wolke und getrieben vom Wind versuchen wir, die Spur nicht aus den Augen zu verlieren. Auf einmal ist es ganz still. Sogar der Föhn legt eine Pause ein. Die Sicht reicht keine zehn Meter weit. Gedämpft vernehmen wir die Stimmen anderer Bergsteiger in unmittelbarer Nähe. Eine unheimliche Stimmung.

Innerhalb eines Wimpernschlags verpufft der Nebel. Und die Wolke spuckt uns auf dem Gipfel wieder aus. Ein wenig verblüfft, wie plötzlich wir unser Ziel erreich haben, blicken wir um uns. Im Nebel haben wir vollkommen das Gefühl für die zurückgelegte Distanz verloren. Wir jubeln mit dem Wind um die Wette, der sich nun wieder zurückmeldet. Keiner von uns hatte mehr damit gerechnet, dass wir ein so fantastisches Gipfelpanorama würden genießen können.

Die Dreitausender der Hohen Tauern buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Leider können wir ihnen nicht genug Zuneigung geben – der Wind hält uns davon ab. Er fegt jetzt in Orkanstärke über das Gipfelplateau. Alles, was nicht am Körper befestigt ist, muss gehalten werden. Während ich meine Felle abziehe, habe ich Angst, dass die Skier davonfliegen. Die stärksten Sturmböen reißen sogar kleine Eisbrocken aus der Schneeoberfläche. Es schmerzt, wenn sie auf unsere Oberschenkel treffen. An umziehen ist hier nicht zu denken.

Wir schließen die Schuhe so gut es die Bedingungen zulassen, fahren zuerst nordseitig über den Grat ab und biegen dann rechts in die Ostflanke ein. So fluchtartig haben wir noch keinen Gipfel verlassen. Nun liegt eine der schönsten Skiabfahrten der Ostalpen vor uns. Ein Tourengehertraum von 1.700 Metern Höhe. Der Hang erstreckt sich so weit, dass auch bei großem Ansturm auf den Gipfel jeder noch ein Plätzchen für seine Spur findet.

Wir orientieren uns wieder an den Seilbahnstützen. Von so hoch oben sehen sie aus wie kleine Playmobil-Figuren, die in dieser endlosen Welt aus Schnee und Eis vergessen wurden. Über die Mulde, durch die wir aufgestiegen sind, gelangen wir zurück zu dem Bächlein, das jetzt schon ein klein wenig mehr Wasser führt, als noch am Morgen.

Tourdaten

  • 1.700 Höhenmeter
  • 7 Kilometer
  • Aufstieg 4 Stunden
  • Für Anfänger ungeeignet

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