Klettern Tourentipps

Kampenwand-Überschreitung: Grattour hoch über dem Chiemsee

Die Überschreitung der Kampenwand verbindet luftige Kletterpassagen über markanten Felszacken mit herrlichem Ausblick über den Chiemgau.

Kein anderer Berg im Chiemgau verbindet Panorama, alpine Atmosphäre und genussvolle Kraxelei so perfekt wie die Kampenwand. Auf der Kampenwand-Überschreitung klettert man durch enge Kamine, schleicht über schmale Grate, erklimmt freistehende Felsnadeln und seilt sich von steilen Türmen ab.

Von West nach Ost überschreitet man den gezackten Rücken des Bergstocks, nie schwieriger als IV+, dafür stets begleitet vom Blick auf den Chiemsee und die Gipfel der Chiemgauer Alpen.


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Charakter und Anforderungen der Kampenwand-Überschreitung

Die Kampenwand-Überschreitung zählt zu den eindrucksvollsten Grattouren der Bayerischen Alpen. Zwischen luftigen Kletterpassagen und schmalen Felsgraten eröffnet sich ein Panorama, das vom Chiemsee bis weit zum Alpenhauptkamm reicht.

Gerade diese Mischung aus alpinem Charakter, abwechslungsreicher Kletterei und landschaftlicher Weite macht die Tour zu einem besonderen Erlebnis im Chiemgau. Wer hier erstmals längere Gratpassagen erlebt, bekommt schnell Lust auf weitere alpine Überschreitungen in größeren Gebirgsgruppen.

Am Grat wechseln sich Kletterstellen mit Gehgelände sowie kurzen Abseilpassagen ab. Besonders spektakulär ist der ausgesetzte Übergang am Gmelchturm, dessen schmaler Felssporn zu den markantesten Stellen der gesamten Route zählt und ein beliebtes Fotomotiv darstellt.

Durch die häufige Begehung ist der Fels teilweise stark abgeklettert. Was den Klettergenuss etwas mindert, die Orientierung am Grat aber erleichtert. Für ambitionierte Bergsteigerinnen und Bergsteiger bietet die Kampenwand-Überschreitung eine abwechslungsreiche Gratkletterei mit eindrucksvollen Tiefblicken in alpiner Atmosphäre.

Kampenwand-Überschreitung
Die Kampenwand. Auf den ersten Blick etwas unscheinbar, entwickelt sich ihre Überschreitung
doch zu einem lohnenden Klettertag.

Keine Route für Anfänger

Auch wenn der klettertechnische Anspruch mit IV+ nicht besonders hoch ist, ist die Kampenwand-Überschreitung meiner Meinung nach keine für reine Anfänger geeignete Tour. Durch den häufigen Wechsel aus Kletter- und Gehpassagen sowie Abseilern ist ein flexibles Seilmanagement nötig, was unbedingt Erfahrung voraussetzt.

Zudem ist die Bewertung eher streng und die Hakenabstände sind selbst an den schwierigen Passagen nicht plaisirmäßig.

Insgesamt sollten rund 7 bis 8 Stunden Gesamtzeit für die etwa 1.000 Höhenmeter und 10 Seillängen einkalkuliert werden.

Kampenwand-Überschreitung: Touren- & Routeninfos


📍 Berg/Ort: Kampenwand (1.669 m), Aschau am Chiemsee

🚗 Anfahrt: Entweder mit dem Zug oder Auto zur Talstation der Kampenwandbahn und mit dieser zur Bergstation.
Wer den Fußaufstieg bevorzugt, startet am besten vom Wanderparkplatz in Hintergschwendt/Aigen > Anfahrt planen

↗️↘️ Anstieg/Abstieg: 1.000 Höhenmeter (davon 750 Hm Zustieg, ca. 1,5-2 h)

✊ Schwierigkeit: eine Seillänge IV+, mehrere Passagen III-IV, sowie frei zu gehende Passagen bis T5. Auch schwierigere Varianten sind möglich.

🧗 Seillängen: etwa 10, wobei man zwei Türme auch umgehen könnte. 2-3x Abseilen, Kletterlänge ca. 300 m.

🧭 Ausrichtung: Südwest bis Nord.

🔨 Absicherung: Standplätze mit geklebten Ringen, an den schwierigen Stellen Bohrhaken. Dazwischen weite Hakenabstände. Keile und kleine Friends lassen sich zusätzlich gut einsetzen.

✔️ Ausrüstung: 1x 50m-Seil, 5-6 Expressschlingen, KK-Grundsortiment, Bandschlingen, evtl. mittlere Friends und natürlich die übliche Kletterausrüstung

🚶 Zustieg: Vom Wanderparkplatz Hinterschwendt/Aigen entlang des ausgeschilderten Steigs zur Steinlingalm. Die Forststraße kann man an mehreren Stellen abkürzen. An der letzten Kehre vor der Steinlingalm rechts Richtung Kampenwandbahn-Bergstation. Beim großen Kreuz am Staffelstein links auf einem breiten Pfad nach Süden und entlang eines Rückens auf dem gut sichtbaren Weg ostwärts durch die Latschen zum Einstieg.

Alternative 1: Auffahrt mit der Kampenwandbahn von Aschau und anschließend ca. 15 Minuten Fußweg zum Einstieg.

Alternative 2: Zustieg mit dem Mountainbike ab Hinterschwendt/Aigen über die Forststraße zur Steinlingalm. Von dort zu Fuß weiter zum Einstieg.

⬇️ Abstieg: vom Ostgipfel über den markierten Wanderweg und den Aufstiegsweg zurück ins Tal.

📖 Topo: Eine gute Topo von Stefan Stadler zur Route findest du hier.

Die Wand, die Wampe und die Bahn

I gang so gern auf’d Kampenwand, wann i mit meiner Wampen kannt“, sagt ein Herr vor mir am Standplatz. Dieses, im Chiemgau sehr bekannte Sprichwort, ist in dieser Situation gerade mehr als passend. Denn kurz darauf zwängt sich der besagte Kletterer durch den engen, abgeschmierten Kamin in der dritten Seillänge.

Seine Wampe ist eher dezent, störend ist an dieser Stelle weniger der Bauch, sondern mehr der Rucksack und ich frage mich, welche Figur ich gleich machen werde.

Für wirklich Gwamperte (bayerisch für Menschen mit Bäuchlein) oder alle anderen mit schwerem Gepäck; gibt es zum Glück eine bequeme Möglichkeit, die 750 Höhenmeter auf das Plateau unterhalb der Kampenwand zu überwinden: die Kampenwandbahn. Wir haben den anstrengenderen Zustieg gewählt – aber dazu später mehr.

Auch vorweg lässt eine umweltfreundliche Anreise gut umsetzen: Mit der Bahn gelangt man über Prien am Chiemsee und die Regionalbahn RB 52 bis nach Aschau im Chiemgau. Von dort erfolgt der etwas längere Zustieg zur Kampenwand, der sich sowohl zu Fuß als auch mit dem Mountainbike gut bewältigen lässt.

Routenverlauf der Kampenwand-Überschreitung

Die klassische Kampenwand-Überschreitung wird von West nach Ost begangen. Sie verläuft entlang des zerklüfteten Felsgrats mit mehreren Kletterpassagen, kurzen Abseilstellen sowie ausgesetzten Übergängen zwischen den Türmen und Gipfeln der Kampenwand.

Dabei überschreitet man den Westgipfel, den Gmelchturm (kann nordseitig umgangen werden), den Teufelsturm und schließlich den Kampenwand Hauptgipfel. Wer nach dem Abstieg vom Hauptgipfel noch Lust hat, kann mit dem Touristenstrom mitschwimmen und über den markierten Steig einen Abstecher auf den Ostgipfel machen.

Technisch bewegen sich die Schwierigkeiten überwiegend im leichten Felsgelände, die Schlüsselstelle erreicht jedoch den UIAA-Grad IV+ und erfordert sicheres Klettern im alpinen Gelände.

Auf den Westgipfel

Der Torweg (IV-) gilt als der klassische und zugleich attraktivste Einstieg in die Kampenwand-Überschreitung. Alternativ bieten sich der etwas leichtere Zustieg über den Westgrat beziehungsweise den Normalweg auf den Westgipfel (II-III) oder zwei schwierigere Sportkletterrouten (ca. VI) links des Torwegs an.

Den Einstieg finden wir durch den ausgetretenen Pfad recht schnell. Wir binden uns ein, stopfen 25 Meter unseres 50m-Einfachseils in den Rucksack – denn mehr ist für die ersten Seillängen nicht nötig – warten kurz, bis die Seilschaft vor uns um die Ecke verschwunden ist und starten mit der Genusskletterei.

Flüssig klettern wir zunächst über einfaches, gestuftes Gelände (II), durchschreiten das spektakuläre Felsentor, zwängen uns durch den zuvor erwähnten, polierten Kamin (III+) und tasten uns gleich darauf entlang einer abgeschmierten Verschneidung (III) empor.

Nach vier Seillängen erreicht man den exponierten Grat und kann bei fantastischem Ausblick auf das Bayerische Meer über den Westgipfel schreiten (I-II & Gehgelände). Der weitere Abstieg Richtung Gmelchturm erfolgt über einen gut sichtbaren Steig in Kehren auf der Südseite des Grats.

Luftig: Gmelchturm und Teufelsturm

Der Gmelchturm ist eine schmale Felsnadel, die spektakulär zwischen Westgipfel und Teufelsturm steht. Ihn kann man entweder direkt über die anspruchsvolle Westseite (VI-) oder deutlich leichter durch eine Verschneidung auf der Nordseite (III+) besteigen. Oder man lässt ihn, wie wir, einfach aus und umgeht ihn auf einem Band auf der Nordseite. Denn hier ist Stau vorprogrammiert. Mehrere Seilschaften stehen am Fuße des Turms, eine andere oben am Abseilstand.

Weil wir zum Klettern und nicht zum Herumstehen da sind, gehen wir direkt zum Teufelsturm weiter. Nach wenigen Metern auf einem schmalen Band erreichen wir den Einstieg zum Teufelsturm, welchen wir in einer langen Seillänge (ca. 30 m, III+/IV-, 1 Klebehaken) erklettern.

Der Abseilstand befindet sich auf der Ostseite des Teufelsturms. Der Weg dorthin ist flach, aber äußerst luftig. Wieder bin ich beeindruckt, welche eindrucksvollen Passagen dieser eher unscheinbare Gipfel bereithält.

Vom Teufelsturm seilen wir 25 Meter auf der Nordseite auf ein Band ab, queren einige Meter leicht ansteigend nach Osten und seilen anschließend weitere 10 Meter auf ein Plateau zwischen Teufelsturm und Hauptgipfel ab.

Kampenwand-Überschreitung
Aussicht: lässt sich sehen. In der Ferne der Chiemsee,
am Plateau unterhalb die Steinlingalm.

Steil: Auf den Hauptgipfel der Kampenwand

Nun wartet die Schlüssellänge der Tour: eine etwa 20 Meter lange, steile Verschneidung im Schwierigkeitsgrad UIAA IV+ (drei Bohrhaken, zwei Normalhaken). Nach Regen bleibt die Länge längere Zeit feucht und verlangt entsprechend Vorsicht. Heute ist sie, nach einem regenarmen Frühjahr, staubtrocken.

Über den guten Grip bin ich überaus froh. Denn auch hier sind Griffe und Tritte sauber poliert und die Kletterei ist gar nicht sooo einfach.

Nach 25 Metern lehnt sich die Wand zurück, das Gelände wird flacher, dafür wieder schmaler. Über einen kurzen, ausgesetzten Grat gelangt man schließlich auf den 1.669 Meter hohen Hauptgipfel der Kampenwand und damit ans Ende des Kamms. Das bekannte Gipfelkreuz befindet sich allerdings nicht auf dem höchsten Punkt, sondern auf dem etwas niedrigeren, touristischen Ostgipfel.

Der Hauptgipfel der Kampenwand. Der einsame Kollege des Ostgipfels.

Abstieg: Zurück in den Trubel

Wir gönnen uns eine Pause – genießen das Panorama und die Ruhe hier heroben. Tief unter uns ziehen Karawanen an Wanderern Richtung Ostgipfel.

Ganz zu Ende ist unsere Tour am Hauptgipfel noch nicht. Der Abstieg in die Schlechinger Scharte erfordert nochmals Achtsamkeit. Wir müssen einen etwa fünf Meter hohen Block abklettern (III). Den schwächeren Partner kann man gut von oben über Reibung an der Kante sichern.

Der Abstieg vom Hauptgipfel erfordert nochmals volle Aufmerksamkeit.
Einen Partner kann man gut von oben an der Kante über Reibung sichern.

Anschließend wird das Gelände endgültig einfacher, bleibt bis zur Schlechinger Scharte jedoch weiterhin steil (II). Danach folgt man den Steigspuren ostwärts durch einen engen Felsspalt, in dem sich häufig bis weit ins Frühjahr hinein Altschnee hält. Kurz darauf erreicht man den Wanderweg, über den man mit vielen anderen noch den Ostgipfel der Kampenwand ersteigen kann.

Der Abstieg erfolgt anschließend auf dem markierten Wanderweg zurück zur Steinlingalm und von dort auf bekanntem Zustiegsweg zurück zum Ausgangspunkt.

Kampenwand-Überschreitung mit Bergführer*in

Du möchtest die Kampenwand-Überschreitung professionell begleitet mit einer Bergführerin erleben? Dann melde dich bei mir und stell mir eine unverbindliche Anfrage. Ab Juli 2026 bin ich Bergführer-Anwärterin und verbringe gerne einen Klettertag mit dir!

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Sportwissenschaftlerin und Bergliebhaberin. Bloggt auf www.berghasen.com

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