Bergtouren Touren

Grande Fineile: Eskalation in den Ötztaler Alpen

Bergtour auf die Fineilspitze und weitere Tipps aus dem Südtiroler Schnalstal.

Wer im Schnalstal ankommt, hat meist eine lange Fahrt hinter sich. Das Tal liegt so tief im Südtiroler Vinschgau, dass man an seinem Ende fast wieder in Österreich ankommt. Nur die Hohen Tauern trennen es von Nordtirol.

Jahrhundertelang war das Schnalstal ein reines Bergbauerntal. Abgeschnitten von der Außenwelt durch eine Felsschlucht. Eine Straße nach Meran gab es nicht. Die Eröffnung der Verbindungsstraße in den Vinschgau und der Bau der Gletscherbahn am Hintereisferner Anfang der 70er-Jahre hauchten dem Schnalstal neues Leben ein.

Abgeschieden und ursprünglich ist das Schnalstal noch immer. Sogar die Filmindustrie hat den Reiz des Tales entdeckt. Es diente als Set der Spielfilme Everest und Das finstere Tal, erzählt uns Armin Gamper vom Hotel Adlernest, in dem wir das Wochenende verbringen.

Berghasen-Tipp: Als Unterkunft empfehlen wir dir das Aktiv & Familienhotel Adlernest!

Auf der ganzen Welt bekannt wurde das Schnalstal durch den Fund des Ötzi. Wanderer entdeckten 1991 die 5.300 Jahre alte Gletschermumie am Tisenjoch – drei Gehstunden oberhalb unserer Unterkunft. Auch wir werden morgen bei unserer Tour um die Fineilspitze an der Fundstelle vorbeikommen.

Einmal auf und rund um die Fineilspitze

Am nächsten Morgen sind Vroni und ich die ersten beim Frühstück. Wir wollen zeitig los. Unsere Runde wird etwa 3.000 Höhenmeter und 30 Kilometer haben – ganz genau wissen wir es nicht. Empfohlen hat uns die Tour Armins Sohn Matthias. Immerhin wollten wir etwas G‘scheites machen.

Der Weg wird uns hinauf zur Similaun-Hütte führen, von dort aus über den Ostgrat auf die Fineilspitze (3.514 m). Danach folgen wir dem E5 Richtung Vent. An der Martin-Busch-Hütte wartet der nächste Anstieg. Wir queren ins Rofental hinüber und überschreiten den Saykogel (3.355 m). Die Runde schließt sich mit dem Rückweg durchs Rofental nach Kurzras am Ende des Schnalstals.

Neugierige Kälber beobachten uns am Weg durchs Tisental.

Wir gehen die Tour gemütlich an. Bis zur Fineilspitze müssen wir am Stück 1.700 Höhenmeter überwinden. Gut einteilen wollen wir deshalb unsere Kräfte. In dieser Landschaft fällt uns das nicht schwer. Stehen bleiben. Staunen. Kühe streicheln. Schafe kraulen. Weitergehen. Noch ein Foto schießen.

Bald blitzt der Vernagt-Stausee türkis-blau aus dem Tal hervor. Er ist Auffangbecken für das Gletscherwasser, das zu allen Seiten von den Hängen sprudelt. Man spürt: Es ist nicht lange her, dass sich die Gletscher aus dem Tal zurückgezogen haben. Die Lärchen in tieferen Lagen sind noch niedrig, der Boden ist dünn. Für viele Alpenpflanzen jedoch reicht die karge Humusschicht.

Wunderschöner Almboden im Tisental.
Wunderschöner Almboden im Tisental.

Das weite Gletscherbecken des Tisentals wird bald steiler, Gräser und Blumen verschwinden. Gesteinsblöcke überziehen jetzt den Boden. Wir überwinden eine steile Felsstufe – die Aussicht hinab ins Schnalstal eine Augenweide. Am Weg herrscht Verkehr. Die ersten Weitwanderer, die am E5 unterwegs sind, kommen uns von der Similaun-Hütte entgegen. Das Schutzhaus steht am Niederjoch. Eingerahmt von Fineilspitze und Similaun ist es für viele der perfekte Ausgangspunkt für ihre erste Dreitausenderbesteigung.

Oberer Wegteil im Tisental.
Oberer Wegteil im Tisental.

Wir biegen an der Hütte links ab und wandern über den Grat zu der Stelle, an der Wanderer 1991 den Ötzi entdeckten. Ein Denkmal erinnert dort an den historischen Fund.

Über den Ostgrat auf die Fineilspitze

Von der Ötzi-Fundstelle bis auf die Fineilspitze fehlen uns nur 250 Höhenmeter. Wir steigen über den Ostgrat an. Eine markierte Route finden wir nicht, Steigspuren sind aber erkennbar und manchmal leiten Steinmännchen den Weg. Der letzte Anstieg führt kurz über glatte Felsplatten und am Schluss luftig und ausgesetzt vom Vorgipfel zum Hauptgipfel (leichte Kletterstellen I-II).

Der Schnee hat sich auf den dunklen Felsen früh zurückgezogen. Weil der Grat schneefrei ist, ist die Fineilspitze der perfekte Dreitausender für Trailrunner, die lieber mit leichten Schuhen unterwegs sind. Trotzdem treffen uns einige verwirrte Blicke von Bergsteigern, die sich für die Tour mit Expeditionsschuhen ausgerüstet haben. Völlig übertrieben, finden wir. Total verantwortungslos, werden sich die beim Anblick unserer Turnpatschen denken.

Der Gipfel gehört uns alleine. Das Panorama ist der Hammer! Auge in Auge stehen wir mit den ganz Großen der Ötztaler Alpen: der Weißkugel, der Hinteren Schwärze, dem Similaun. Auch unseren Weiterweg zur Martin-Busch-Hütte und durch das Rofental zurück ins Schnalstal kann ich jetzt komplett einsehen. Shit, das ist weit. Das Gute: wir dürfen noch lange in dieser wilden Gebirgslandschaft weilen. Trödeln sollten wir aber nicht, wollen wir zum Abendessen wieder im Adlernest sein.

Wir klettern zur Ötzi-Fundstelle ab und entscheiden uns dort für den Steig, der links über Schneefelder zur Martin-Busch-Hütte führt. Am Talboden gelangen wir wieder auf die Via Alpina, oder den Gelben Weg, auf dem auch der E5 verläuft.

Weiterweg zur Martin-Busch-Hütte.
Weiterweg zur Martin-Busch-Hütte.

Der Steig entwickelt sich weiter unten zu einem wunderbar laufbaren Trail ohne loses Gestein und ärgere Felsstufen. Niemals hätten wir in dieser Höhe mit einem derart feinen Weg gerechnet. Die Umgebung macht es uns schwer, uns beim Laufen auf den Boden zu konzentrieren. Zu eindrucksvoll sind die Gletscherbrüche, die Sturzbäche, die aus ihnen ausbrechen und die endlos langen Täler.

Von der Martin-Busch-Hütte ins Rofental

Ende des Downhills an der Martin-Busch-Hütte. Jetzt müssen wir wieder hinauf. Hinauf zum Saykogel. Ich lasse mich an der Weggabelung in die Wiese plumpsen. Meine Beine sind schwer. Ich fühle mich schlapp. Verständnislos blicke ich auf meine Uhr. Sie zeigt 16 Kilometer an. Keine lange Tour bis hierher. Ist es der Gedanke, dass wir erst die Hälfte des Weges geschafft haben, der mich schwächeln lässt? Oder die Höhe, auf der wir uns ständig bewegen? Vermutlich eine Kombination aus beidem.

Aufstieg zum Saykogel von der Martin-Busch-Hütte.
Aufstieg zum Saykogel von der Martin-Busch-Hütte.

Ich raffe mich auf. Vroni hat sich gar nicht erst hingesetzt. Wir machen uns an den Aufstieg zum Saykogel (3.355 m). Achthundert Höhenmeter liegen vor uns. Die Berghasen reden wenig. Gehen wie in Trance. Nur manchmal drehe ich mich um und lasse die Landschaft auf mich wirken. Es ist schön. Wirklich wunderschön. Ich muss mich zwingen, nicht stehen zu bleiben. Mein Kopf pocht. Immer wieder fährt mir ein stechender Schmerz durch die Schläfen.

Blick über die Ötztaler Alpen beim Aufstieg auf den Saykogel.
Blick über die Ötztaler Alpen beim Aufstieg auf den Saykogel.

Ich fülle meine Trinkflasche auf und kippe Wasser in mich hinein. Quellen gibt es hier zum Glück genug. Der Steig verläuft bald nicht mehr durch sanfte Wiesen, sondern über riesige Steinblöcke. Wir kommen nur langsam voran. Laufen ist unmöglich. Nicht nur wegen unserer Müdigkeit, sondern auch wegen der technischen Herausforderung des Trails.

Finale Grande

Über den Saykogel fallen wir irgendwie drüber. Wir realisieren gar nicht, dass wir einen Gipfel erreicht haben. Ins Rofental hinab führt ein langer Grat – Steinblock um Steinblock ist hier übereinandergeschichtet. Fast surreal wirkt dieses Durcheinander aus Felsblöcken. So, als müsste der Berg jeden Augenblick wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, störte man nur ein Element seines Aufbaus.

Abstieg vom Saykogel ins Rofental.
Abstieg vom Saykogel ins Rofental.

Die Fineilspitze sehen jetzt von der gegenüberliegenden Seite. Steil fällt ihre Nordseite zum Hochjochferner ab. Der Westgrat des Saykogels führt uns sicher ins Rofental hinab. Im Gletscherbecken, das auch in diesem Tal schon mit Gras bewachsen ist, lässt er uns absteigen. Dann beginnt es zu regnen und wir zu laufen.

Der Trail windet sich durch die gleiche karge, wunderschöne Landschaft wie im Nachbartal. Wir müssen hinab bis zum Gletscherbach, wo uns eine Brücke an die andere Flussseite bringt. Der letzte Anstieg des Tages führt uns über vier Kilometer durch das Rofental zur Berghütte „Schöne Aussicht“ nahe des Skigebiets am Hintereisferner. Von dort steigen wir die letzten 800 Höhenmeter nach Kurzras an, wo uns Armin bereits erwartet und uns pünktlich zum Abendessen ins Adlernest bringt.

Toureninfo

  • Höhenmeter: 3.100
  • Länge: 30 Kilometer
  • Technische Schwierigkeit: mittel

Hotel Adlernest
Zurück im Adlernest. Die Tour hat ihre Spuren hinterlassen.

Unterkunfts-Tipp: Aktiv und Familienhotel Adlernest

Unser Hotel liegt im Schnalser Ortsteil „Unser Frau“ auf 1.500 Metern Seehöhe, direkt am sonnigen Südhang unterhalb des Similauns. Für Bergsteiger, Trailrunner und Wanderer ist es also der perfekte Ausgangspunkt für Touren im Schnalstal und in den Ötztaler Alpen.

 

Das Hotel Adlernest hat speziell für Sportler und aktive Familien viel zu bieten. Es gibt einen großzügigen Fitness- und Wellnessbereich, einen überdachten Außenpool und mehrmals in der Woche kann man an Yoga-Kursen teilnehmen.

Mit der Familie Gamper hat man leidenschaftliche Bergsteiger als Wirtsleute. Chef Armin ist selbst Wanderführer, nimmt seine Gäste auf die hoteleigene Hütte mit und zeigt ihnen die schönsten Plätzchen im Schnalstal.

Kindern wird im Hotel Adlernest garantiert nicht langweilig. Sie dürfen fünf Tage in der Woche mit Gleichgesinnten spielen, ausgiebig in der freien Natur tollen und richtig Gas geben! Kinderbetreuerin Fini behält die Kids stets im Auge. Besonders beliebt ist sie bei den Kleinen, weil sie die tollsten Spiele kennt, jede Menge Bastelideen auf Lager hat. Sowohl im Sommer als auch im Winter können Kinder unter Betreuung diese Abenteuer erleben:

  • Sinnesparcours in der Natur
  • Eine Bäuerin Besuchen
  • Kochkurs für Kids
  • Grillabend am offenen Lagerfeuer inkl. Brot backen
  • Ötzi Rope Park
  • ArcheoParc Schnals
  • 2 geführte Familienwanderungen pro Woche

Weil wir Berghasen noch kinderlos sind, konnten wir uns voll und ganz auf die Kulinarik und die Wellness-Angebote konzentrieren. Besonders herausragend waren das Abendmenü und das Frühstück. Chefkoch bezieht die meisten seiner Lebensmittel aus maximal 100 Kilometern Entfernung. Das schmeckt man. Das Wild kommt von Jägern aus dem Schnalstals, das Lammfleisch vom eigenen Hof. Alles andere stammt von Bauern aus Südtirol.

Sprachlos gemacht hat uns unser Zimmer. Okay Suite. Zwei Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche und Bad in cleanem Design, ein großzügiger Wohnraum – so fein haben wir selten gehaust.

Weitere Tourentipps im Schnalstal

Das Schnalstal ist Teil des Naturparks Texelgruppe. Zwischen Weinbergen am Taleingang und der Gletscherwelt der Ötztaler Alpen spannt sich ein breites Netz mit über 240 km markierten Wanderwegen. Du genießt Fernsichten von zahlreichen Dreitausendern, streifst durch eine Hochgebirgslandschaft mit ausgedehnten Lärchenwäldern, bestaunst smaragdgrüne Gebirgsseen und erlebst die jahrhundertealte Tradition bergbäuerlichen Lebens.

Wandern auf Ötzis Spuren

Die Fundstelle des Mannes aus dem Eis befindet sich am Tisenjoch (3.210 m). Dieser Übergang vom Schnalstal ins österreichische Ötztal wurde schon vor Jahrtausenden von Jägern und Hirten benutzt. Bis heute queren Schafe am Weg zu ihren Sommerweiden diese stelle des Alpenhauptkamms.

Nach der Entdeckung des Ötzis wurden im Schnalstal, im Vinschgau, im Passeiertal und im Ötztal weitere Grabungen durchgeführt. Mehrere urgeschichtliche Funden waren Anlass, im Tal 17 archäologische Wanderwege anzulegen. Auf diesen können Wanderer die wichtigsten Fundstellen erkunden und die Besonderheiten der seit Jahrtausenden genutzten Tal- und Gletscherregionen entdecken.

Rund um den Vernagt-Stausee

Der Vernagt-Stausee wurde zwischen 1949 und 1964 zur Stromgewinnung errichtet. Der Talboden wurde geflutet – mehrere Höfe und eine Kapelle mussten dem Wasser weichen. Mit der Zeit entstand am Rande des Sees eine neue Siedlung. Wanderer lieben den sechs Kilometer lange Spaziergang rund um den See, der auch als kurze Trailrunde reizend ist. An Wochenende kann man häufig das italienische Kajakteam beobachten, das am See trainiert.

Hochtour auf die Fineilspitze und den Similaun

Von Vernagt aus erreichst du diese bekannten Dreitausender der Ötztaler Alpen auch an einem Tag. Wer sich länger Zeit nehmen will, kann eine Übernachtung in der Similaunhütte buchen und die Besteigung der Fineilspitze (3.514 m) und des Similaun (3.599 m) auf zwei Tage aufteilen. Beide Gipfel gelten als relativ einfache Dreitausender und sind bei geringer Schneelage auch für Trailrunner ein beliebtes Ziel.

Archäologische Wanderung zum Fineilsee

Bereits der Beginn am archäologischen Wanderweg über den Tisenhof zum Fineilhof beschert dir herrliche Tiefblicke auf den Vernagt-Stausee. Die Wanderung führt dich durch das Fineiltal zum traumhaft liegenden Fineilsee, der ein historischer Platz in den Südlichen Ötztaler Alpen ist. Wer noch Kraft in den Beinen hat, kann vom Fineilsee weiter zur Grawand aufsteigen und gleich noch einen Dreitausender mitnehmen.

Erlebe den traditionellen Schafübertrieb vom Schnalstal nach Vent

Seit vielen Jahrhunderten ziehen jedes Jahr bis zu 4.000 Schafe vom Schnalstal über das Hochjoch und Niederjoch zu den Almgründen im Venter Tal auf der österreichischen Seite des Alpenhauptkamms. Das Schauspiel kann man im Juni und einmal im September in Kurzras oder Vernagt beobachten.

Durch das Pfossental auf die Hohe Wilde (Hochwilde)

Die Besteigung der Hochwilde ist auch gut aus dem Schnalstal möglich. Ein landschaftlich sehr schöner Weg führt vom Gasthof Jägerrast über die Stettiner Hütte auf die 3.489 m hohe Südspitze.

Auf acht Kilometern und 300 Höhenmeter durchwandert man zunächst das Pfossental auf einem gut ausgebauten Weg zum Eisjöchl auf knapp 2900. Von der Stettiner Hütte folgt man dem Weg Nr. 42 im teilweise versicherten Kletterstellen (II) bis zum Südgipfel der Hohen Wilden.

Meraner Höhenweg: Von der Rebe zum Firn

Rund um den Naturpark Texelgruppe führt einer der schönsten Wanderwege des Alpenhauptkamms: der Meraner Höhenweg. Die Strecke mit knapp 100 km Länge nimmt zwischen 4 und 6 Tage in Anspruch. Die Tour kannst du an verschiedenen Stellen beginnen und beenden.

Der Naturpark Texelgruppe ist der größte und für viele Wanderer der schönste der Südtiroler Naturparke. Der Park umfasst eine ausgedehnte Hochgebirgslandschaft zwischen Schnalstal und Passeiertal. Die mediterranen Lebensräume im Süden bis zur Gletscherwelt am Alpenhauptkamm verleihen dem Naturpark seinen besonderen Charakter.

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