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Holadrio! Hochkönig-Überschreitung über den Königsjodler

Der Königsjodler zählt zu den härtesten Klettersteigen Österreichs. Kombiniert mit der Hochkönig-Überschreitung wird er zu einer Tour, die Ausdauer und Willenskraft fordert.

Die Entscheidung, vom Dientner Sattel bei Mühlbach über den Königsjodler auf den Gipfel des Hochkönigs zu steigen und über die Ostpreußenhütte nach Werfen zu wandern, haben mein Nachbar und ich recht kurzfristig getroffen. Von einigen Seiten habe ich gehört, dass der Königsjodler eine wilde Sache sein soll: lang, technisch anspruchsvoll und kräftezehrend. Auf 1,7 Kilometern überwindet er die Gipfelkette der Teufelshörner sowie den Kummetstein und mündet nahe des Hochkönigs in die Übergossene Alm. Bei solch einer Beschreibung wird man hellhörig – und lehnt die Einladung zu einer gemeinsamen Tour nicht ab.

Am Vorabend treffen wir die letzten logistischen Vorkehrungen für die Besteigung, stellen ein Auto nach Werfen, um am Morgen Zeit zu sparen und nach der Überschreitung wieder schnell nach Mühlbach zu kommen. In der Nacht schlafe ich schlecht und fühle mich krank. Hals- und Kopfschmerzen lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Die Tour absagen? Keinesfalls! Ausgemacht ist ausgemacht.

Aufwärmphase

Um 05:30 Uhr parken wir unseren Zweitwagen am Dientner Sattel, dem Ausgangspunkt unserer Klettertour auf den Hochkönig. Der Parkplatz ist nur dürftig gefüllt. Es wird ein ruhiger Tag am Königsjodler werden.

Wir schultern die Rucksäcke und marschieren los. Im Halbdunkel stolpern wir fast über zwei Tschechen, die die Nacht in Schlafsäcken neben ihrem Auto am Schotterboden verbracht haben.

Es ist dunkle Nacht. Keine Spur eines Tagesanbruchs. Der Himmel sternenlos, am Boden zeichnen sich keine Konturen ab. Dennoch verzichten wir auf Stirnlampen. Wir steigen zuerst über eine Forststraße, dann über weichen Almboden auf. Die Kuhfladen bemerke ich erst, als der Untergrund ungewöhnlich stark nachgibt und ich meinen Schuh in einem Haufen Scheiße versenke.

Die Beschreibung Aufwärmphase würde dem Zustieg nur mäßig gerecht werden. Wir benötigen gut eineinhalb Stunden, um überhaupt den Einstieg des Königsjodlers zu erreichen. Und wir gehen zügig. Der erste Schweinehund und 1000 Höhenmeter sind überwunden. Ich weiß, dass er (mein Nachbar) den Klettersteig inklusive Zustieg in etwas mehr als zwei Stunden bezwungen hat. Irre!

Ich setzte mich hin und verschnaufe. Die ersten Sonnenstrahlen streifen die Türme der Teufelshörner. In der Ferne leuchten die Gletscher in den Tauern orange. Rings um mich entleeren die männlichen Bergsteigerkollegen ihre Blasen, bevor sie sich ihre Klettergurte anziehen. Ich bin die einzige Frau am Berg und weiß nicht recht, wo ich hinsehen soll. Angesichts der geballten Männlichkeit um mich herum kommen mir Zweifel, ob ich diesem zähen Klettersteig gewachsen bin. Nun: Ich kann klettern und weit wandern. Wird schon gut gehen!

Der Königsjodler – ein hartes Stück Arbeit

Während die übrigen noch Ballast abwerfen, treten wir mit den Teufelshörnern in Kontakt. Was die nächsten dreieinhalb Stunden auf uns zukommt, ist eine Achterbahnfahrt auf Kalkgestein. Wir klettern Türme hinauf, balancieren auf ihren Scheiteln, klettern an der Hinterseite wieder ab. Dies wiederholt sich ein, zwei, drei, ja sieben Mal! Wir überklettern sämtliche Zacken der Teufelshörner und zu guter Letzt den Kummetstein, der dem Kletterer endgültig die Kraft aus Armen und Beinen saugt.

Im Kletterrausch verliere ich bald die Orientierung. Hinter jedem Aufschwung vermute ich den Gipfel des Hochkönigs, nur um an der Spitze des Turms festzustellen, dass wir mindestens ein weiteres Mal abklettern und aufsteigen müssen. Es ist fast unmöglich abzuschätzen, wie lange die Fahrt noch dauert. Als ich nach zwei Stunden im Klettersteig endlich den Kummetstein erblicke, fällt mir ein mindestens gleich großer Stein vom Herzen: Jetzt ist es nicht mehr weit, oder? Er meint trocken, wir seien noch lange nicht am Ziel. Wie wahr. Zu diesem Zeitpunkt trennen mich weitere eineinhalb Stunden vom Ausstieg.

Wer diese mentale Folter nicht länger erträgt, kann kurz vor dem Kummetstein die Notbremse ziehen und ins Birgkar flüchten. Von dort steigst du entweder zum Hochkönig auf-, oder zum Dientner Sattel ab.

Ich gebe mich nicht geschlagen und fahre eine weitere Runde mit. Am Kummetstein gipfeln die Anstrengungen: die Wand ist extrem steil, der Fels arm an Tritten und die Sonne heizt mit aller Kraft in die Südwand. Erschöpfung hin oder her – ich genieße jeden Klettermeter und jede neue Herausforderung. Als wir die Karabiner am Hohen Kopf endgültig aus dem Drahtseil nehmen, kann ich nicht glauben, wie schnell die Zeit verflogen ist. Ich starre auf meine Uhr. Fünf Stunden sind seit unserem Aufbruch am Dientner Sattel vergangen. Davon haben wir dreieinhalb im Klettersteig gehangen.

Mir ist schwindelig vom vielen Auf und Ab. Ich habe kaum getrunken. Dennoch bin ich voller Euphorie. Der Klettersteig war genial!

Warum der Königsjodler-Klettersteig geil ist

Klettersteig-Liebhaber nehmen das Wort Königsjodler fast ehrfürchtig in den Mund. Doch woher hat der Steig auf den Hochkönig seinen Ruf als schier unüberwindbare Ferrata auf den höchsten Gipfel der Berchtesgadener Alpen? Mit C/D ist er nicht einmal schwierig bewertet. Klar, er ist verdammt lang. 1,7 Kilometer legt man kletternd zurück. Aber reicht das, um als einer der härtesten Klettersteige der Ostalpen zu gelten? Wohl nicht. Und es wäre gelacht, hätte der Königsjodler nicht weitere Trümpfe im Ärmel.

Dass er höchste Ansprüche an die Ausdauer stellt, dürfte bewiesen sein. Zudem verlangt er dem Kletterer mentale Stabilität und technische Gewandtheit ab. Die Erbauer haben den Fels sehr natürlich belassen und ihn mit wenigen Tritthilfen bespickt. Man muss hier wirklich gut klettern können und wissen, wie man seine Füße einsetzt. Durchgehend mit den Armen hochziehen läuft hier nicht.

Kräfteraubend für die Armmuskulatur sind jene Passagen, an denen der Klettersteig nach unten führt. Festklammern und gleichzeitig nach Tritten suchen? Ermüdung pur! Diese exzentrische Muskelarbeit halten selbst Profis nicht lange durch.

Zwischen den Türmen gilt es mit Spreizschritten Kluften zu überwinden. Wer zu kurze Beine hat, dem bleibt nichts anders übrig, als wie ein Äffchen von Felswand zu Felswand springen. Die Anstiege münden häufig in schmalen Graten, auf denen man geschickt balancieren muss.

Auf zwei kurzen Abschnitten haben die Erbauer kein Drahtseil verlegt. Trotzdem ist hier absolute Trittsicherheit gefragt, da die Passagen sehr ausgesetzt und teilweise mit Geröll überzogen sind.

Ein richtiger Klettersteig wie der Königsjodler ist natürlich mit weiteren Raffinessen bestückt: eine Seilbrücke über die Teufelsschlucht und ein Flying-Fox lockern die Klettertour auf. Den Flying-Fox kann man auch umklettern. Das ist zwar mühsam, aber sicher weniger anstrengend, als sein Körpergewicht am HMS-Karabiner über das Drahtseil zu schleifen. Ohne Seilrolle flutscht’s schlecht.

Hochkönig: da war doch noch ein Gipfel

Unsere Tour ist nach dem Ausstieg aus dem Königsjodler lange nicht vorbei. Vor uns breitet sich die Übergossene Alm aus und erweist ihrem Namen alle Ehre. Das weite Plateau überzieht selbst im Hochsommer eine dicke Schneeschicht. Im Schatten ist der Schnee hart gefroren. Darauf bedacht, mit unseren Trailrunningschuhen nicht wegzurutschen, erreichen wir nach einer halben Stunde das Matrashaus und damit den Gipfel des Hochkönigs.

Selten habe ich mir ein Panorama so hart erarbeitet. Die Besteigung des Großglockners wenige Wochen zuvor kommt mir jetzt wie ein Spaziergang vor. Am Hochkönig bin ich allen Bergen meiner Heimat unglaublich nahe. Ich blicke hinüber zum Dachstein, lasse meinen Blick vom Plateau des Tennengebirges zum Watzmann schweifen und beäuge die Loferer Steinberge. Im Süden ragen die höchsten Gipfel der Tauern empor: der Großglockner, das Wiesbachhorn und der Großvenediger fallen sofort auf.

Im Gipfelrausch vergesse ich beinahe, welch ewiger Abstieg uns bevorsteht. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, übers Birgkar zum Dientner Sattel abzusteigen und dann nach Werfen zu fahren, um das zweite Auto zu holen. Tief in mir schlummert aber der Wunsch, die Überschreitung zu vollenden und den schwierigeren Weg zu gehen.

Er meint, wir würden wohl zwei Stunden bis nach Werfen brauchen. Ein Blick über das Plateau lässt mich zweifeln. Zurecht.

Abstieg zur Ostpreußenhütte: die nächste Geduldsprobe

Vom Gipfel des Hochkönigs folgen wir nicht dem Normalweg zum Arthurhaus nach Mühlbach, sondern wählen den Steig Richtung Nordosten zur Ostpreußenhütte. Er macht unsere Überschreitung komplett.

Wer diesen Weg einschlägt, darf sich auf eine einsame Wanderung einstellen. Wenige Menschenseelen verirren sich auf diesen langen, beschwerlichen Auf- oder Abstieg. Eine großartige Alternative für alle, denen am Normalweg zu viel los ist und einige Extrakilometer nichts ausmachen.

Wir wandern über die schneebedeckte Hochebene des Hochkönigmassivs. Nur langsam verlieren wir an Höhe. Das Plateau breitet sich flach vor uns aus. Immer wieder müssen wir Löchern ausweichen, oder einige Meter ab- und wieder aufsteigen. Die Achterbahnfahrt geht weiter. Wenn auch etwas gemächlicher.

Ich sende Stoßgebete in den Himmel, dass der Steig doch steiler abfallen möge, um schneller nach unten zu kommen. Dann, als wir die Ostpreußenhütte schon im Blickfeld haben, windet sich der Weg durch ein schottriges Kar hinab. Über einen Grasrücken gelangen wir zur Hütte. Pause legen wir keine ein. Wir trotten weiter zur Dielalm, wo unser Zweitauto in der sengenden Sonne am Parkplatz weilt.

Wie in Trance haben wir nach dem Aufbruch vom Gipfel in vier Stunden zusätzlich 13 Kilometer überwunden. Ein Tag, erfüllt von landschaftlicher Schönheit und sportlicher Aufopferung, liegt hinter uns. Und mit ihm eine Tour, die ich genauso wieder machen würde.

Tourdaten

  • Höhenmeter: 1.900 Meter Aufstieg, 2.200 Meter Abstieg
  • Länge: 20 Kilometer
  • Dauer: 8 bis 10 Stunden
  • Anforderung: langer, kräftezehrender Klettersteig, gefolgt von einem noch längeren Abstieg
  • Ausgangspunkt: Dientner Sattel bei Mühlbach
  • Endpunkt: Dielalm in Werfen

11 comments on “Holadrio! Hochkönig-Überschreitung über den Königsjodler

  1. Spannende Tour, vielen Dank für den Bericht

    Obwohl quasi fast vor der Haustür, war ich bisher noch nie im Hochkönig-Gebiet unterwegs. Das müsste sich eigentlich mal so langsam ändern

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  2. Allworxx_stay_tuned

    Eine Weltklasse Tour , und so toll beschrieben dass einem der Mund wässrig wird 😍

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  3. Sehr schöner Bericht! Klasse Tour! 🙂

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  4. ganz ganz tolle Fotos ! Der Hammer ist die Drahtseilüberschreitung ! Also da muss ich den Hut ziehen !!!! Weiter so !!!

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  5. Coole Tour! Auf die to do Liste gesetzt. Hier unser Tipp. Zur Zeit Top-Bedingungen.
    https://naturbahn.wordpress.com/2017/05/08/seltenes-glueck-allein-am-hohen-dachstein/

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  6. Knapp 2 Std. von Parkplatz bis oben? Kaum zu glauben, wenn das wahr ist von deinem Bekannten….

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