Dank origineller Kletterei ist die „Sei Prophet“ am Taufenkopf im Zillertal mittlerweile zum Trad-Klassiker geworden.
Das Zillertal ist ein Kletter-Mekka der ersten Stunde. Obwohl das Tal mittlerweile hauptsächlich für seine Boulder- und Sportklettergebiete bekannt ist, lohnt sich ein Blick in die höheren Wände.
Sie offenbaren sich oftmals erst beim zweiten Hinschauen – verstecken sie sich doch zwischen dichten Nadelwäldern und den markanten Gipfeln der Zillertaler Alpen.
Von dieser Kategorie ist auch der Taufenkopf bei Ginzling: Ein unscheinbarer Felsriegel mit Ecken und Kanten, durch dessen Südwestwand die Sei Prophet (VII-) einen überraschend genialen Durchsteig ermöglicht.
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Taufenkopf: Klettergeschichte mit Südwand-Flair
Der Taufenkopf im Zillertal zählt zu den traditionsreichsten Mehrseillängengebieten im Zillertal. Schon 1984 legten Darshano L. Rieser und Gerhard Hörhager mit der Erstbegehung von Sei Poet (VII+) einen Meilenstein – eine Linie, die bis heute zu den eindrucksvollsten Kletterrouten des Zillertals zählt und es sogar in den Auswahlführer Moderne Zeiten geschafft hat.
Mit Sei Prophet (VII-) wartet am Taufenkopf eine weitere lohnende Route auf Kletterer, die alpines Ambiente mit abwechslungsreicher Trad-Kletterei verbinden möchten.
Dank der südseitigen Ausrichtung bietet der Taufenkopf vom Herbst bis ins Frühjahr attraktive Bedingungen zum Klettern. Und das bei nur 30 Minuten Zustieg!
Achtung bei Schnee: Der Zustieg führt in unmittelbarer Nähe eines Lawinengrabens entlang. Bei entsprechender Lawinenlage können dort Abgänge nicht ausgeschlossen werden. Die aktuellen Verhältnisse sollten daher vor dem Zustieg unbedingt berücksichtigt werden.
Sei Prophet am Taufenkopf – Charakter und Anforderungen
Wer Sonne, feinen Granit und klassische Kletterei an Rissen, Verschneidungen und Kaminen sucht, wird in der Sei Prophet am Taufenkopf im Zillertal fündig.
Auf rund 200 südseitigen Klettermetern ist so ziemlich alles versammelt, was das Kletterherz begehrt: Piaz-Kletterei an Rissen und Verschneidungen, steile, henkelige Wandpassagen und Kamin-Geklemme.
Von dem bisschen Gestrüpp in der Wand darf man sich nicht abschrecken lassen. Ich verspreche dir: Zwischen den Büschen taucht überraschend geniale Kletterei in festem Granit auf!
Der Höhepunkt der Route kommt ganz am Ende. In der Kaminseillänge „Im Rachen des Propheten“ wird geklemmt, geschrubbt und mit Cams selbst abgesichert – ganz im Stil klassischer Granitkletterei.


Rechts: Die erste Seillänge der Route Sei Prophet am Taufenkopf.
Am Taufenkopf wurde bei den Erstbegehungen weitgehend auf Bohrhaken verzichtet – entsprechend sind alpine Erfahrung, ein sicherer Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln und selbstständiges Klettern gefragt.
In der Sei Prophet sind die Standplätze gebohrt, in den Längen selbst muss aber vorrangig selbst abgesichert werden; was mit einem Satz Friends gut möglich ist. Darüber hinaus stecken einige Normalhaken und über die Route verteilt an kritischen Stellen in Summe eine Handvoll Bohrhaken.
Sei Prophet am Taufenkopf: Routeninfos
📍 Berg/Ort: Taufenkopf (1.800) im Zillertal
🚗 Anfahrt: Mit dem Auto über Mayerhofen Richtung Ginzling im Zillertal. Etwa 1,5 km vor Ginzling direkt nach einem Tunnel rechts parken. Der Taufenkopf ist vom Parkplatz aus bereits gut sichtbar > Anfahrt planen
Schwierigkeit: VII-
🧗 Seillängen: 8 Seillängen, ca. 200 Klettermeter.
🧭 Ausrichtung: Südwest, im Herbst ab ca. 11 Uhr Sonne.
Absicherung: alpin, Standplätze gebohrt; einige Normalhaken, an kritischen Stellen in Summe ca. 5 Bohrhaken, dazwischen muss selbst abgesichert werden.
Ausrüstung: 60m-Doppelseil, 10 Expressschlingen (unbedingt auch verlängerbare), Friends (0.3 bis 2 ), Bandschlingen und natürlich die übliche Kletterausrüstung.
Zustieg: Die Straße überqueren und über steile Wiesen links des Lawinengrabens hinauf bis zum Wald. Entlang eines gut sichtbaren Steigs zum Wandfuß (ca. 30 Min).
Der Einstieg befindet sich an einer markanten Rissverschneidung (Ringhaken auf ca. 5 m Höhe). Die erste Seillänge ist ident mit Sei Poet.
⬇️ Abstieg: Nach der 8. Seillänge (Stand an Baum) kurz hinauf durch den Wald. Ganz nach links hinaus an die Kante zum letzten Stand von Sei Poet. Nun über Sei Poet bzw. Mein Komet abseilen: 1x 25 m auf einen Absatz, 1x 55 m über die steile Platte, 1x 35 m auf einen Absatz bei Fixseil, 1x 55 m durch etwas Botanik bis zum Boden.
📖 Topo: Ein Wandübersicht mit Verlauf der Route findest du auf der Website von Darshano L. Reiser. Das Topo mit allen Südwandrouten gibt’s hier.
💪 Erstbegehung: Darshano L. Rieser, Franky Heim und Uwe Eder am 17.01.2011
Sei Prophet | Taufenkopf: Die Seillängen im Detail
Ich habe versucht, die Seillängen möglichst neutral zu bewerten, ergänze sie zusätzlich aber mit meinen Einschätzungen. Eventuell weichen meine Schwierigkeitsbewertungen von anderen Führern und Topos ab.
1. Seillänge (25 m, VI+): Graue Rissverschneidung
Die Einstieg der Sei Prophet ist schnell gefunden, denn die markante Rissverschneidung ist kaum zu übersehen. Der Routenverlauf ist klar: Es geht gerade durch die gutgriffige, aber gleich recht steile Verschneidung hoch.
Die Kletterei macht sofort Spaß. Der Fels ist fest, das bisschen Dreck und Besuchs stört kaum. Zwischen zwei Normalhaken und einem Bohrhaken lassen sich gut ein paar mittlere Friends unterbringen. Am Ende führt ein Fixseil über ein kurzes, sandiges Stück zum Standplatz an zwei Bohrhaken.


2. Seillänge (20 m, VI+): Glatter Piaz
Durch eine steile Verschneidung entlang eines schmalen Risses (2 NH, 1 BH) piazend hinauf. Wer sich traut, kurz auf Reibung in der rechten glatten Platte anzusteigen, hat das Schwierigste dieser Seillänge auch schon hinter sich gebracht.
Danach klettert man über blockiges Gelände und eine Rissverschneidung genussvoll zum Stand an zwei Bohrhaken. Die Route Sei Poet verläuft nun links um die Kante, für Sei Prophet hält man sich rechts.


3. Seillänge (20 m, IV+): Weg durch den Busch
Diese vermeintlich kurze, einfache Seillänge kostet uns unerwartet viel Zeit. Denn ist ist auf den zweiten Blick nicht ganz klar, wo es jetzt hingeht.
Verlockend sieht die Verschneidung aus, die vom Standplatz weg schräg nach rechts oben zieht. Allerdings scheint sie deutlich schwieriger als ein IVer zu sein, der jetzt laut Topo kommen soll. Erst bei meiner Recherche für diesen Artikel finde ich heraus, dass es sich dabei um die Route Sei Chaot handelt.
Ich schaue also rechts um die Kante. Dort aber verhindert ein glatter Bauch das einfache Vorankommen. Nach etwas hin uns her entschließe ich mich dazu, vom Standplatz rechtshaltend auf ein zugewachsenes Band abzuklettern ( IV+, für den Nachsteiger unangenehm).
Danach bahne ich mir durch Gestrüpp und über Blöcke einen Weg nach oben auf ein Band. Diesem folgt man relativ weit nach rechts hinüber (Gehgelände) bis unter eine große Verschneidung.
So – das war jetzt ziemlich schiach und ich kurz genervt. Deshalb hab ich auch auf ein Foto von der Länge vergessen.
4. Seillänge (35 m, VI+): Jubelverschneidung
Was jetzt kommt sei eine Verschneidung zum Jubeln. So zumindest beschreibt der Erstbegeher Darshano Rieser die vierte Seillänge. Nun, unsere Erwartungen sind hoch!
Über 35 Meter zieht die Verschneidung gerade hinauf. Der Fels ist durchgehend fest und meist sehr griffig. Gleichzeitig muss man technisch sauber klettern (VI+). Die drei Bohrhaken tun dem Kopf gut, zusätzlich stecken ein paar Normalhaken und auch Friends lassen sich unterbringen.
Am Ende der Verschneidung stellt sich noch ein etwa drei Meter hohes Wandl auf. Die Griffe sind erdig, der Fels ist von Flechten überzogen – jetzt, wo es so schön trocken ist, kein Problem. Im feuchten Zustand sicher sehr unangenehm.



Stand bezieht man an einem Laubbaum (Seilstück vorhanden, aber unbedingt mit eigener Schlinge verbessern).
5. Seillänge (30 m, VI+/VII-): Heiterkeitswandl
Mit einem Dauergrinser darf ich mich über das Heiterkeitswandl hangeln. Jeder Griff fantastisch rau und ganz ohne Botanik-Dekoration. Schwierig sind nur die ersten paar Meter über eine kraftige Verschneidung (VII-). Danach schwingt man in teils etwas weiten Zügen von Henkel zu Henkel (VI+) und kann nebenbei zahlreiche Normalhaken clippen. Hier bleibt nicht viel mehr zu sagen außer: Meeega!
Einen Schönheitsfehler hat auch diese Länge. Am Ende der Wand muss man kurz durch den Wacholder schlüpfen, ehe man auf einem Band nach rechts zum Standplatz gehen kann.


Rechts: Der Beginn der sechsten Seillänge. Super zu Klettern, Top-Placements, aber leider etwas zugewachsen.
6. Seillänge (30 m, V+): Bitte putzen!
Diese Länge wäre genial, wäre sie nicht so zugewachsen. Zuerst klettert man durch eine steile, von Rissen durchzogene Verschneidung. Man findet super Placements, ehe man sich über die Kante schiebt, eine Kehre nach rechts macht und entlang eines schönen Handrisses (V+) zum Stand klettert.
Wir haben so gut es geht gejätet. Es wären aber noch einige Putztrupps – äh Kletterer – nötig, um diese Seillänge fein herauszuputzen.
7. Seillänge (20 m, VII-): Im Rachen des Propheten
Was jetzt kommt ist eine Mischung aus überhängendem Riss-Kamin und Dach. Ich kann mir nicht helfen, aber immer, wenn ich einen Kamin sehe, steigt ein innerer Widerstand in mir hoch. Doch da muss ich jetzt durch – oder besser gesagt rein.
Zuerst spaziert man kurz am Kamingrund entlang. Danach nur noch zur Seite drehen, den Rücken an die Wand pressen und bis unters Dach hochschrubben. Geht eh ganz leicht! Absichern lässt sich der Rachen des Propheten (VI-) auch passabel (Fixfriend, Normalhaken, Placements im Riss).
Den Kamin verlasse ich über den rechten Riss. Mit ein paar kraftvollen Zügen klettere ich über den Überhang (VII-) hinaus (über den Bohrhaken darüber bin ich dankbar) und steh wenig später wieder am Standplatz.



War ja gar nicht so schlimm. Na sogar richtig gutt!
8. Seillänge (soweit es die Seilreibung zulässt, VI): Rauf auf den Taufenkopf
Die ersten 20 m der letzten Seillänge klettern sich nochmal richtig gut. Es geht links unterhalb eines Blocks hinaus (VI-), über diesen hinweg und rechts hinüber in eine Verschneidung (VI). Durch die Verschneidung empor, links an einem Baum vorbei und geradeaus weiter, ehe sich die Route im Wald verliert.
Bevor die Seilreibung zu groß wird, macht man am besten Stand an einem Baum. Danach einfach (II) zum höchsten Punkt beziehungsweise gleich nach links an die Kante zum Abseilstand von Sei Poet.


Fazit zur Sei Prophet am Taufenkopf
Dass sich am Taufenkopf lohnende Alpinrouten verstecken, hat sich mir erst auf den zweiten Blick offenbart – genauer hinzuschauen lohnt sich! Die Erstbegeher hatten hier wirklich ein gutes Auge.
Denn zwischen Wacholdersträuchern und Grasbüscheln taucht überraschend gute Kletterei in festem Granit auf.
Die Sei Prophet ist eine der leichteren Routen am Taufenkopf und deshalb nicht immer ganz homogen. Häufig unterbrechen Bänder die einzelnen Längen; diese sorgen dafür aber für bequeme Standplätze.
Bis auf die dritte Seillänge und die letzten Ausstiegsmeter fand ich alle Längen passabel. Einzelne Passagen waren wirklich ausgesprochen schön. Natürlich schmälert die Botanik den Klettergenuss massiv.
Aber wer an den Taufenkopf im Zillertal zum Klettern kommt, erwartet sich wohl ohnehin kein Duplikat des Grand Capucins oder Zervreilahorns.
Fazit: Auch wenn die Sei Prophet keine 5*****-Tour ist, kann ich eine Empfehlung für die Route aussprechen. Vor allem für alle, die ihre Trad-Klettererfahrung verbessern möchten. Ich kenne in Österreich wenige Routen, die so einfach erreichbar eine derartige Kletterei bieten.
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