Klettern Tourentipps

Via Yoghi – Der genussvolle Einstieg in die Granitwelt des Valle dell’Orco

Zwischen Platten, Reibung und der legendären Yin-Yang-Schuppe.

Wer das Valle dell’Orco kennenlernen möchte, ohne sich sofort auf die berüchtigten Trad-Klassiker der Region einzulassen, findet in der Via Yoghi (VI) einen gemütlichen Einstieg.

Die 2013 von Andrea Plat und Claudio Prot eröffnete Route folgt über rund 450 Klettermeter den südseitigen Platten des Sergent und verbindet Reibungskletterei mit einigen einzigartigen Risspassagen. Obwohl sie nicht den typischen Charakter der historischen Orco-Routen widerspiegelt, gilt sie heute als eine der beliebtesten und meistbegangenen Mehrseillängenrouten der Wand.

Die solide Bohrhakenabsicherung, eingerichtete Standplätze und moderate Schwierigkeiten bis maximal VI (5c) machen die Via Yoghi zu einer guten Kennenlernroute des legendären Granitgebiets des Valle dell’Orco.

So wirklich gerecht wird eine Bohrhakenroute wie die Via Yoghi dem Valle dell’Orco natürlich nicht. Und auch unsere Begeisterung über die Tour hält sich (nach einigen Tagen der Reflexion) immer noch in Grenzen; so viel sei schon mal verraten.


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Charakter und Anforderungen der Via Yoghi im Valle dell’Orco

Lange, gut mit Bohrhaken abgesicherte Genussroute auf Granit mit Schwerpunkt auf Platten- und Reibungskletterei. Die letzten fünf Seillängen sind klar die schönsten der Route und gipfeln in der spektakulären Yin-Yang-Rissschuppe (siehe Titelbild) „Dove l’Acqua Scompare“. Bis dorhin muss man allerdings viele, langweilige Plattenmeter über sich ergehen lassen.

Wer das erste Mal im Tal zu Gast ist und sich mit der Routenauswahl etwas schwer tut, findet in der Via Yoghi eine nette Einsteigertour in die Kletterwelt des Valle dell’Orco – mit moderaten Anforderungen, ohne schwierige Risspassagen und einem unverkennbaren Schuppen-Finale.

Touren- & Routeninfos: Via Yoghi am Sergent im Valle dell’Orco


📍 Berg/Ort: Sergent bei Ceresole Reale im Valle dell’Orco

🚗 Anfahrt: Mit dem Auto Richtung Turin und Aostatal. Kurz vor Ivrea nach Pont-Canavese am Eingang ins Valle dell’Orco abbiegen. Von dort noch etwa eine halte Stunde ins Tal hinein zum Campingplatz Ai Laghetti knapp nach einem langen Tunnel. Kostenlose Parkplätze entlang der Straße vor dem Campingplatz > Anfahrt planen

✊ Schwierigkeit: eine Seillänge VI, ansonsten recht anhaltend V bis VI-.

🧗 Seillängen: 14, Kletterlänge 450 m.

🧭 Ausrichtung: Süd, Schatten bis ca. 10 Uhr

🔨 Absicherung: Standplätze und Zwischensicherungen gebohrt.

✔️ Ausrüstung: ein 60m-Doppelseil ist beim Abseilen hilfreich, man kommt aber auch mit 50er-Seilen durch, 10 Expressschlingen (unbedingt auch verlängerbare), eventuell einige mittlere Friends, um die weiten Hakenabstände zu verkürzen.

🚶 Zustieg: Direkt gegenüber des Eingangs zum Campingsplatz auf einem Steig (rote Markierungen, Steinmänner) durch einen Lärchenwald zum Wandfuß. Knapp davor an einem Fixseil auf einen Absatz und wieder etwas zum Wandfuß absteigen. 100 Hm, 15 Min. Einstieg mit Namensplakette markiert.

⬇️ Abstieg: Über die Route abseilen. Achtung, dass die Riesenschupppe beim Abseilen das Seil nicht verschluckt!

📖 Topo & Führer: Eine Topo der Route findest du hier. Diese und viele weitere Alpin- und Sportkletterrouten findest du im Führer VALLE dell’ORCO vom Matteo und Stefano dalla Gasperina

Hochgelobt – und doch enttäuschend

Der Einstieg der Route ist nach einem kurzen, bequemen Zustieg schnell gefunden. Eine Namensplakette markiert den Start der Via Yoghi. Vor uns liegen die weitläufigen Plattenschüsse des Sergent, unterbrochen nur durch kürzere Aufschwünge.

In der Ferne erkenne ich einige rostige Bohrhaken; Wasser der letzten Gewittergüsse tropft noch aus den Rissen und der Vegetation. Die breiten Platten bieten aber genügend Raum, um sich eine trockene Linie zwischen den Wasserstreifen und lästigen Graspolstern zu suchen.

Hochgelobt wird die Route in Führern und auf diversen Online-Plattformen. Nach den ersten vier Seillängen (im oberen fünften Grad) können wir diesen Hype noch nicht nachvollziehen.

Der Weg zum eigentlichen Höhepunkt der Route – der unverkennbaren Yin-Yang-Schuppe in Länge 12 – führt zunächst über langweilige Platten, kurze Steilstufen und einige typisch weit abgesicherte Reibungsstellen, die vor allem mental Aufmerksamkeit verlangen.

Platten, Graspolster und noch mehr Platten

Bis zur achten Seillänge geht das so dahin und meine Geduld und Motivation schwinden mit jedem Reibungstritt und Graspolster, dem ich ausweichen muss. Was wir hier tun ist Plattenwandern.

Die klettertechnischen Höhepunkte beschränken sich auf Aufschwünge von wenigen Metern, die man aber schnell überwunden hat, wenn man den Fuß einmal sauber nachstellt. Der sechste Schwierigkeitsgrad (wie etwa im Topoguide angegeben) wäre mir dabei aber auch nur ein einziges Mal – und zwar in Seillänge drei – untergekommen.

Das einzig Schöne an der Via Yoghi ist bislang die Aussicht über das Valle dell’Orco, die ich dann genießen kann, wenn Tom im Nachstieg mit Plattenwandern und Graspolster-Slalom an der Reihe ist.

Durchhalten im Valle dell’Orco – wird die Via Yoghi doch noch gut?

Nach der siebten Seillänge schlage ich vor, abzuseilen. Ich bin mittlerweile maximal unmotiviert. Die Hoffnung, die Route könnte noch gut werden, habe ich verloren.

Aber Tom, der grenzenlose Optimist, ist sich sicher, dass es von nun an nur noch auswärts gehen kann. Mit zunehmender Höhe wird die Kletterei dann tatsächlich besser. Die achte und neunte Seillänge haben wirklich etwas mit Klettern zu tun und machen auch dem Griesgram (mir) Spaß.

Via Yoghi Valle dell'Orco
Bis zur achten Seillänge (Bild oben) sollte es dauern, ehe uns die Tour zu gefallen beginnt.

Die 10. Seillänge ist ein erneuter Tritt in den Klettermagen. Danach stehen wir endlich vor den Passagen, für die die Via Yoghi weit über das Valle dell’Orco hinaus gekannt ist: Die 2019 eingerichtete Seillänge „Dove la Corda Scompare“ („Wo das Seil verschwindet“) umgeht einen grasdurchsetzten Abschnitt und führt auf direkterem Weg zum eigentlichen Naturwunder der Route: der spektakulären Yin-Yang-Schuppe „Dove l’Acqua Scompare“ – „Wo das Wasser verschwindet“. Ok, wow!

Die Wiederentdeckung der Harmonie

Die 11. Seillänge wurde 2019 eingerichtet und führt nun in direkter Linie über eine Platte (Überraschung) zum Beginn der Schuppe. Schön wird diese Seillänge durch zwei unterbrochene Risse, die die Platte schräg nach links oben durchziehen.

Ich klettere den Riss entlang und finde langsam meine Zufriedenheit wieder. Die Kletterei ist nicht schwer (vielleicht VI) aber richtig schön. Als ich direkt neben dem gut absicherbaren Riss einen Bohrhaken finde und danach in der Platte ein fünf Meter langes Runout hinnehmen muss (wieso?!), wird mein innerer Friede zwar nochmals kurz gestört. Aber jetzt sehe ich alles Kommende als Draufgabe.

Die seilfressende Yin & Yang-Schuppe

Diese einzigartige Rissformation zieht sich wie ein geschwungener Schnitt durch eine glatte Granitplatte. Eine Seite tiefschwarz, gezeichnet von Wasserläufen, die andere hellgrau und trocken.

Das Ergebnis erinnert verblüffend an das Yin-und-Yang-Symbol und zählt zweifellos zu den außergewöhnlichsten Kletterstellen des gesamten Valle dell’Orco. Gleichzeitig vermittelt die Passage einen ersten Eindruck jener legendären Risskletterei, für die das Tal weltweit bekannt ist.

Tom darf vorsteigen. Ich genieße das Naturwunder im Nachstieg. Der Riss zieht in geschwungener Linie nach rechts oben durch die Platte. Oberhalb des Risses ist der Fels Anthrazit-farben. Ein Rinnsal fließt über die geneigte Platte und verschwindet in den Tiefen der Kluft.

Der Fels rechts des Risses ist hellgrau und erzeugt dadurch diesen einmaligen Kontrast. Die Kletterei ist herrlich und nachdem der Riss sehr gutgriffig ist, auch nicht schwierig (maximal V+). Nach 30 Metern ist der Zauber leider schon wieder vorbei und wir finden uns in perfekter Harmonie am Standplatz ein.

Schuppenfutter

Damit der innere Friede erhalten bleibt, entscheiden wir uns nach der Schuppe abzuseilen. Der Blick nach oben deutet darauf hin, dass die zwei letzten Plattenlängen eine Wiederholung der ersten Hälfte sein könnten.

Wenigstens beim Abstieg ist die Route spannend: Der Name der Seillänge „Dove la Corda Scompare“ entstand nicht zufällig. Tatsächlich verschwand bei der Erschließung ein Seil dauerhaft im Schlund des markanten Risses. Entsprechend sorgfältig sollte beim Abseilen mit den Seilenden umgegangen werden.

Wer die Seilenden am Gurt fixiert, oder den Partner ablässt, vermeidet unnötige Dramen und kann den langen Rückweg über die zahlreichen Abseillängen entspannt genießen.

Fazit zur Via Yoghi im Valle dell’Orco

Die Via Yoghi ist eine der wenigen Routen, die ich bisher geklettert bin, welche ich nicht aus voller Überzeugung weiterempfehlen kann. Die oberen Seillängen sind zwar spektakulär und wunderschön. Allerdings solltest du dir gut überlegen, ob du dafür einen sieben Seillängen weiten Platten-Spaziergang auf dich nimmst.

Fazit des Fazits: Besser wandern gehen. Oder in die „Pesce d’Aprile“ einsteigen – das ist in der Tat eine ideale Einsteigerroute in die Trad-Welt des Valle dell’Oro!

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