Historische Granitkletterei am Torre di Aimonin. Sechs abwechslungsreiche Seillängen, perfekte Risslinien und eine Route, die seit über 50 Jahren zu den schönsten Einstiegen in die Trad-Welt des Valle dell’Orco zählt.
Es gibt Routen, die man klettert – und es gibt Routen, die man erlebt. Die Pesce d’Aprile am Torre di Aimonin im Valle dell’Orco gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Halten sich die Kletterschwierigkeiten doch in Grenzen, während der Erlebniswert trotzdem nicht darunter leidet.
Seit ihrer Erstbegehung am 31. März 1973 durch Mike Kosterlitz, Gian Piero Motti, Ugo Manera, Guido Morello und Roberto Bianco zählt sie zu den Klassikern des Valle dell’Orco. Über viele Jahre galt sie als eine der schönsten und meistbegangenen Mehrseillängen der Region – und noch heute wird sie häufig als ideale erste Trad-Route im Tal empfohlen.
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Der Name „Pesce d’Aprile“ („Aprilscherz“) geht auf eine mittlerweile legendäre Anekdote zurück: Kosterlitz und CO eröffneten die Route in einem im Valle dell’Orco bis dato unbekannten Stil und verzichteten dabei vollständig auf Normalhaken.
Die ersten Wiederholer um Manera, Bianco und Morello staunte über den Mut der Erbegeher und versuchte, es ihnen gleichzutun. Erst am Ende der Tour lösten Motti und Kosterlitz den Scherz auf: Sie hatten keine Wunder vollbracht, sondern nutzten eine damals in Italien praktisch unbekannte Sicherungsmethode – Klemmkeile aus Großbritannien.
Damit wurde Pesce d’Aprile zur Route, auf der erstmals Nuts in Italien eingesetzt wurden und die Geburtsstunde des italienischen Clean Climbing eingeläutet wurde.
Charakter und Anforderungen der Pesce d’Aprile im Valle dell’Orco
Auch heute hat die Route nichts von ihrem Reiz verloren. Die Absicherung erfolgt überwiegend selbstständig mit Friends und Keilen, die Standplätze sind eingerichtet, einzelne historische Haken erinnern an die bewegte Geschichte der Linie.
Dazwischen wartet eine abwechslungsreiche Granitkletterei mit Rissen, Verschneidungen, Plattenpassagen und einer eindrucksvollen Schlüsselstelle, die exemplarisch zeigt, warum das Valle dell’Orco als italienisches Yosemite gilt. Wer den Charakter des Tals verstehen möchte, findet auf Pesce d’Aprile einen perfekten Einstieg – historisch bedeutsam, landschaftlich schön und klettertechnisch bis heute ein echter Genuss.
Pesce d’Aprile: Touren- & Routeninfos
📍 Berg/Ort: Torre di Aimonin bei Noasca im Valle dell’Orco
🚗 Anfahrt: Mit dem Auto Richtung Turin und Aostatal. Kurz vor Ivrea nach Pont-Canavese am Eingang ins Valle dell’Orco abbiegen. Von dort noch etwa eine halte Stunde ins Tal hinein nach Noasca. Kostenloser Parkplatz im Ortszentrum hinter der Brücke > Anfahrt planen
Schwierigkeit: eine Seillänge VI, ansonsten recht anhaltend IV+ bis V+/VI-.
🧗 Seillängen: 6, Kletterlänge 170 m.
🧭 Ausrichtung: Süd
Absicherung: Standplätze gebohrt; dazwischen muss selbst abgesichert werden.
Ausrüstung: 50- oder 60m-Doppelseil, 8-10 Expressschlingen (unbedingt auch verlängerbare), Friends (0.3 bis 3, bis 0.75 evtl. doppelt), ein Satz Klemmkeile, Bandschlingen und natürlich die übliche Kletterausrüstung.
Zustieg: Vom Ortszentrum in Noasca folgst du dem markierten Weg Richtung Wasserfall. Einmal um die Kirche herum, kurz gerade hinaf und an der ersten Weggabelung nach rechts abbiegen. Dem Weg weiter folgen, bis du erneut zu einer Weggabelung kommst. Hier wieder rechts. Die Wand ist bereits gut ersichtlich. Noch wenige Minuten durch den Wald zum Wandfuß. Dort angelangt wenige Meter links hinauf (Steinmann) zum Einstieg unterhalb einer Rampe. 150 Hm, ca. 20 Minuten.
⬇️ Abstieg: Vom Ausstieg auf Pfadspuren leicht nach links aufwärts. Am Wandabbruch entlang, bis du zu einem Stand mit Abseilring gelangst. Über die Route Spigolo entlang der linken Wandkante 3-5x (je nach Seillänge) abseilen.
📖 Topo & Führer: Eine Topo der Route findest du hier. Diese und viele weitere Alpin- und Sportkletterrouten findest du im Führer VALLE dell’ORCO vom Matteo und Stefano dalla Gasperina


Pesce d’Aprile | Valle dell’Orco: Die Seillängen des Trad-Klassikers im Detail
1. Seillänge (25 m, IV-): Die Route beginnt recht unspektakulär am Fuße einer Rampe (III+), die schräg nach rechts ansteigt. Ihr folgt man bis zu einer Verschneidung. Den Zwischenstand an zwei Ringhaken vor der Verschneidung ignoriert man einfach.
Stattdessen klettert man an guten Giffen über die rechte Wandseite der Verschneidung (IV-, Normalhaken am Beginn der Verschneidung, mehrere gute Placements). Der Standplatz befindet sich auf einem bequemen Band direkt hinter der Kante.


Der Auftakt war schon recht nett – aber wir hoffen doch noch auf Besseres!
2. Seillänge (25 m, IV+): Vom Standplatz weg wartet eine lange Querung nach rechts. Zuerst klettert man leicht ab, dann auf einem horizontalen Band mit guten Griffen (gut absicherbar, ein gebrochener Normalhaken) bis zu einem markanten Block.
Die Schwierigkeiten halten sich immer noch in Grenzen. Dafür tänzelt man bereits in der zweiten Seillänge ausgesprochen luftig über ausgeprägte Podeste. Und auch die Aussicht über das Tal ist – gerade einmal wenige Meter über dem Boden – späktakulär.
Den Block überwindet man links, kurz wird es etwas kaminartig und eng (IV+), aber an der Kante darüber lassen sich schon der nächste Henkel und der Standplatz erahnen.



3. Seillänge (25 m, V+): Die ersten zwei Seillängen waren noch eher Gehen als Klettern. Nun wird’s sportlicher! Eine wunderschöne Schuppe liegt vor uns und entlockt auch dem Orco-Neuling eine ästethische Piaz-Technik.
Ehe die schwierigsten Züge bevorstehen, kann man in der Platte noch einen Bohrhaken vorklippen – wäre aber nicht nötig, denn hinter der Schuppe lassen sich die Friends (0.3 bis 0.5) wie auf einer Perlenkette aufreihen.


Der Schuppen-Piaz (V+) ist spaßig, aber leider schnell vorüber. Schon nach wenigen Metern findet man sich in einer gestufen Platte wieder und erreicht über kurze Aufschwünge den Standplatz auf einem Band unterhalb einer großen Verschneidung.
4. Seillänge (25 m, VI): Jetzt kommt die Schlüsselseillänge! Eine 20 Meter lange Bilderbuchverschneidung, die von unten alles andere als einfach aussieht.
Der Riss ist von den vielen Begehungen schon etwas schmierig, lässt sich aber trotzdem gut klettern. Zumal links und rechts in der Wand immer wieder gute Tritte auftauchen.
Während man sich athletisch nach oben piazt und spreizt, kann man einen Normalhaken klippen und ohne Wiederstand Friends in den perfekten Riss schieben. So muss genussvolles Trad-Klettern sein! Der Stand befindet sich knapp hinter einem Baum an der linken Wandseite der Verschneidung.


5. Seillänge (30 m, V+): Direkt vom Standplatz klettert man etwa 10 Meter gerade hinauf bis unterhalb eines Überhangs. Dieser sieht auf den ersten Blick fast unüberwindbar aus, löst sich aber super auf. Denn die Kanten und Ecken entpuppen sich als riesige Henkel.
Nach dem Überhang befindet sich ein Abseilstand an Bohrhaken. Wir klettern aber noch etwas höher zu einem weiteren Stand schräg rechts in einer Platte unterhalb des markanten Handrisses der sechsten Seillänge.


6. Seillänge (35 m, V+): Für diese Seillänge zahlt es sich dann doch noch aus, in die Risskletterhandschuhe zu schlüpfen! Für den Schwierigkeitsgrad zwar nicht unbedingt nötig, Spaß macht es aber trotzdem, den schnurgeraden Handriss durch die geneigte Platte hinaufzujamen. Am Weg zum Ausstieg lassen sich perfekt einige Friends unterbringen: Zu Beginn, wo der Riss noch breiter ist, ein 3er, später – wenn sich der Riss auf die Dicke einer Hand verengt – die Größen 0.75 bis 1. Auch zwei Normalhaken finde ich entlang dieser abschließenden Genusslänge.


Tipp: Nach der Tour unbedingt noch den Wasserfall von Noasca besichtigen. Man kann dort im Anschluss an die Klettertour eine schöne Runde drehen.
Fazit zur Pesce d’Aprile
Eine rundum geniale Tour für alle, die das erste Mal zum Trad-Klettern im Valle dell’Orco zu Gast sind. Den sechsten Grad sollte man sicher beherrschen, um auch die schöne Verschneidung genießen zu können.


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