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Jenseits der Logik: Skitour im Juni

Von der Hochalpenstraße auf den Johannisberg, die Hohe Riffl und die Bärenköpfe. Die perfekte Sommer-Skitour mit Überraschungsmoment. 

Bilder: David Geieregger

Marcus Wadsak gibt im ORF-Wetter gerade einen Ausblick auf den nächsten Tag. 30° sollen es werden. Sonnenschein von früh bis spät. Nicht eine Wolke wird den Himmel trüben. „In einigen Seen steigt die Wassertemperatur bereits auf 19°.“ Ich sortiere am Wohnzimmerboden meine Ausrüstung für morgen: Handschuhe, Stirnband, Lawinenausrüstung, Windjacke, Felle. „Es erwartet uns der erste Badetag 2017.“

Ich erkläre meinen Freundinnen über WhatsApp, dass ich nicht an den See mitkommen werde. Was ich den mache? Skitour. Unverständnis. Ob ich es nicht endlich lassen könne? Ich vergebe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun und stelle meinen Wecker auf vier Uhr. Am nächsten Tag passieren David und ich um kurz vor 6 die Mautstation der Großglockner Hochalpenstraße. Fast eine Stunde brauchen wir noch bis zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Eine Stunde, die wir vor Motivation fast nicht im Auto aushalten. Wo wir heute unsere Spuren ziehen werden, möchten wir uns bis zuletzt offen halten.

Wir parken im kostenlosen Parkhaus am Ende der Hochalpenstraße, schlüpfen in die Tourenschuhe und zurren die Skier auf unsere Rucksäcke. Dann treten wir hinaus in die Einsamkeit. In eine Einsamkeit, die man auf der Hochalpenstraße nur zu dieser oder noch früheren Stunde vorfindet.

Der Blick auf die Pasterze ist ernüchternd. Der Gletscher liegt schneefrei vor uns. Seine Zunge, ein kilometerlanges Schuttfeld. Ähnlich erbärmlich präsentiert sich das Hofmannskees an der Nordseite des Großglockners.

Dafür blitzen die Schneefelder am Johannisberg verführerisch herab und nehmen uns die Entscheidung, welches Tourenziel wir heute anpeilen, ab. Über den Gamsgrubenweg marschieren wir zuerst durch sechs kurze Tunnel. Etwa dreißig Minuten schleppen wir die Ski nach dem letzten Tunnel noch weiter, bevor wir anschnallen können.

Drei Ski-Dreitausender im Juni

Im Schatten vor der Großglockner Nordwand wird mir endlich warm ums Herz. Rhythmisch ziehe ich meine Skier über den Schnee und ich weiß, warum ich diesen Sport so liebe. Sogar im Juni. Oder besonders dann. Am Mittleren Burgstall vorbei halten wir in einer Rechtskehre auf die Oberwalderhütte zu.

Wir überwinden einen steilen Aufschwung am Ende des Südlichen Bockkarkeeses und erreichen eine Scharte, von der aus wir das weitläufige Gelände östlich der Oberwalderhütte überblicken. Der Johannisberg, die Hohe Riffl, das Eiskögele, die Bärenköpfe – sie stellen uns vor die nächste Entscheidung. Wo gehen wir heute überall rauf?

Weil der Tag noch jung ist, steigen wir zunächst auf den Vorderen und Mittleren Bärenkopf (3.358 m) und fahren von dort aus auf den Pasterzenboden an den Fuße des Johannisbergs ab. Erst jetzt realisieren wir, welche Dimensionen das Gletscherbecken hat. Die Hohe Riffl sieht plötzlich aus, wie ein Stecknadelkopf. Drei Kilometer ist der Gipfel entfernt. Zumindest werden das die GPS-Daten meiner Uhr später behaupten.

Wir spuren die Ostflanke des Johannisberges (3.453 m) hinauf. Der Schnee hier ist schon deutlich weicher. Stress machen wir uns keinen. Wir wollen ohnehin an der noch schattigen Nordseite Richtung Riffl abfahren. Am Gipfel gönnen wir uns eine lange Pause. Sitzen in der Sonne und studieren die Routen potentiell künftiger Touren.

Herzstillstand

Schwer können wir uns vom Anblick des Großglockners losreißen. Beim Gedanken an die Abfahrt fellen sich die Skier aber fast von selbst ab und wir stechen in den Nordhang des Johannisbergs. Ich gönne David die erste Spur und will warten, bis er zur Hälfte abgefahren ist. Plötzlich höre ich einen Schrei. Mir bleibt das Herz stehen. Fuck! War es ein Fehler, in den steilen Hang einzufahren? „Oidaaaaa! Do is Puivaaaaaaaaa!“

Mein Herz setzt erneut aus. Unmöglich! Der verarscht mich wieder! Ich lasse die Skier laufen. Gleite zuerst über Firn. Dann schwebe ich. Linksschwung. Es staubt! Pulverschnee Anfang Juni. Ich kann kaum fassen, was hier geschieht. Jetzt am Badesee liegen? Ich würde heulen. Stattdessen schreie ich vor Glück, als ich am Gletscher abschwinge.

Draufgabe: die Hohe Riffl

Uns ist klar, dass dieser Tag nicht mehr besser werden kann. Umso motivierter steigen wir die letzten 150 Höhenmeter auf die Hohe Riffl (3.338 m) auf. Den Gipfel erreichen wir über eine enorme Wechte. Wie riesige Pilze türmen sich die Felsformationen auf. Dahinter versteckt sich eines der hübschesten Gipfelkreuze, neben denen ich bis jetzt gestanden habe.

Den Großvenediger zur Rechten, den Großglockner zur Linken versenke ich meinen Blick im Panorama der Hohen Tauern. Bevor uns der Firn unter den Füßen wegschmilzt, fahren über die Oberwalderhütte zurück zur Franz-Josefs-Höhe. Bei guter Schneelage, könnte man auch über den Hufeisenbruch entlang der Pasterze abfahren.

Statt Stille und Einsamkeit treffen wir an der Hochalpenstraße nun auf Rummel und hektisches Treiben. Der Blick des ein oder anderen Japaners bleibt länger an uns hängen, als am Gipfel des Großglockners. Ja, verrückt diese Österreicher.

Tourdaten

  • Höhenmeter: ~1.700+
  • Länge: 11 Kilometer im Aufstieg
  • Dauer: 3-6 Stunden Gehzeit

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