Skitouren Touren

Vincent-Pyramide: 4.000er auf dem Silbertablett

Die Skitour auf die Vincent-Pyramide ist ein Katzensprung und belohnt mit einem Traum-Panorma über das Monte Rosa. Wer will, bekommt daraufhin gleich vier weitere Gipfel serviert.

Draußen pfeift der Wind um die Gnifetti Hütte. Ich kuschle mich tiefer in meine Decke. Auch wenn die ersten Sonnenstrahlen des Tages schon einladend durch unser Fenster scheinen, möchte ich mich nicht aus meinem Bett bewegen. Der Wind ist so stark, dass in der Hütte Türen knallen. Ich schließe meine Augen und folge den Geräuschen des Windes.

Erst um kurz vor Sieben schäle ich mich widerwillig aus dem Bett. Der Wind hat immer noch nicht nachgelassen und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, bei dem Sturm die Hütte zu verlassen. Aber alle sind positiv gestimmt und der Wetterbericht prophezeit, dass der Wind bald abklingen soll.

Ich begebe mich nach unten in die warme Stube, wärme mich mit Tee und versuche, eine Schale Müsli in den Magen zu befördern. Die Höhe und die Kälte haben mit den Appetit genommen.

Nach dem Frühstück lege ich mich noch einmal kurz ins Bett und lese in meinem Buch weiter. Mittlerweile bin ich im letzten Teil meines Krimis angekommen und kann das Buch vor Spannung kaum weglegen. Nach einer dreiviertel Stunde reißt mich Susi aus der Kriminalwelt. Der Sturm hat nachgelassen und wir wollen los.

Von der Gnifetti-Hütte auf die Vincent-Pyramide

Dick eingepackt mache ich mich auf den Weg nach draußen. Hinter der Hütte steigen wir zum Gletscher hinunter. Der Blick von der Hinterseite der Hütte ist einfach immer wieder aufs Neue atemberaubend. Mächtige Seracs türmen sich vor uns auf, gebettet sind sie in eine noch beeindruckendere Gletscher- und Gebirgswelt.

Heute fällt mir das Gehen schon ein wenig leichter, als gestern auf dem Weg zur Signalkuppe. Meinen 4000er-Gehrhythmus habe ich gefunden. Mein Tempo gleicht dem einer Schildkröte, die durch Erdnussbutter stampft.

Der Wind ist mittlerweile angenehm abgeflacht. Nur noch wenige Böen begleiten uns. Im gleichmäßigen Schritt, die Augen in die faszinierende Gletscherwelt getaucht, steigen wir auf. Auch wenn wir erst seit zwei Tagen da sind, erscheint mir alles sehr vertraut. Ich weiß genau, an welchen Stellen vom Aufstieg ich aufpassen muss, weil der Schnee spiegelglatt ist und wo ich meine Konzentration der Kulisse rundum schenken kann.

Es dauert nicht lange und wir erreichen das flache Gletscherbecken am Fuß der Vincent-Pyramide (4.215 m). Langsam werden die Windböen stärker und häufiger. Ich versuche nicht stehen zu bleiben. Zu groß ist die Angst, auszukühlen.

Auf der Suche nach Gold

Während ich so vor mich dahin stapfe, überlege ich wie es wohl dem Bergbauingenieur Johann Vincent im Sommer 1819 ergangen ist, als er und seine Kumpanen auf der Suche nach Hochgebirgsgold als erste auf dem Gipfel der schneebedeckten Pyramide standen. Ich frage mich wie groß der Gletscher wohl damals war und wie viel Schnee wohl in diesem Sommer dort lag. Gold haben die Herren dort leider keines gefunden.

Eine scharfe eiskalte Windböe reißt mich aus meinen Gedanken. In den letzten Tagen hat der Wind filigrane Dünen in den Schnee geschliffen. Wo einst die Aufstiegsspur war, ist nun nur noch ein schmaler Steg zurückgeblieben. Vollkommen fasziniert bestaune ich die wunderlichen Gebilde aus windgepresstem Schnee.

Dann gleitet mein Blick etwas höher. Mittlerweile habe ich schon die Hälfte des letzten Anstiegs überwunden und damit einen herrlichen Blick auf die steil abfallenden Flanken des Schwarzhorns und der Ludwigshöhe.  Sogar bis zur Signalkuppe kann man blicken.

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Am Gipfel angekommen werde ich schon von meinem Freund dem Wind gegrüßt. Seine Freude mich hier oben zu sehen, ist so groß, dass er gleich einen Gang zulegt. Haben uns beim Aufstieg nur einige Böen begleitet, so pfeift uns nun der Wind wieder gehörig um die Ohren.

Eine Gruppe Italiener mit Bergführer ist ebenfalls am Gipfel. Hier oben gibt es genau zwei Möglichkeiten, sich zu beschäftigen: entweder, die Leute sind am Fotografieren, oder Springen durch die Gegend, um irgendwie in Temperatur zu bleiben. Auch ich merke wie meine Körpertemperatur von Minute zu Minute sinkt.

Als ich auf die Gruppe Italiener zukomme, sehe ich ein wenig unterhalb des Gipfels einen Ski liegen. Einer der Touristen hat seinen Ski verloren, Susi fragt schon in die Runde, wessen Ski das sei, der gerade vom Gipfel gefegt wurde. Ich überlege nicht lange und mache mich auf den Weg, um den Ski zu bergen, bevor er ganz abstürzt. Gegen ein Bier auf der Gnifetti Hütte gebe ich der überglücklichen Besitzerin ihren Ski zurück.

Wir sind eine Weile damit beschäftigt, Gipfelfotos zu machen. Für mich ist das gerade ein eher widerwilliger Prozess, denn jede Minute, die ich länger im Wind stehe, wird mir kälter. Kurz vor der Abfahrt spüre ich Zehen und Finger nicht mehr.

Selbst während der Abfahrt kehrt kein Gefühl zurück. Susi steht bereits unten und fellt ihre Skier wieder auf. Ich ringe innerlich mit mir, ob ich auffellen und weitergehen, oder zur Hütte abfahren soll. Die Entscheidung fällt mir schwer. Ich will unbedingt hinauf auf das Balmenhorn, dessen Gipfel eine riesige Jesusstatue markiert.

Aber die Kälte ist dermaßen übermächtig, dass ich mich entscheide, abzufahren. An der Hütte angekommen, habe ich Mühe, meine Ski- und Skischuhe auszuziehen. Meine Finger sind taub. In der Stube lasse ich mir warmen Tee geben. Trotzdem zittere ich noch lange vor mich hin.

In der Zwischenzeit bei Susi…

Allein im Monte Rosa

Erstarrt stehe ich im Nebel. Von der Landschaft um mich herum erkenne ich nichts mehr. Ich kann nicht definieren, wo der Schnee endet und der Nebel beginnt. Die Sichtweite beträgt vielleicht einen Meter.

Ich bin allein. Vroni ist zurück zur Gnifetti-Hütte gefahren. Um mich herrscht absolute Stille. Angestrengt lausche ich nach Stimmen anderer Tourengeher. Nichts. Panik überkommt mich. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. Jede voreilige Reaktion könnte jetzt fatale Folgen haben.

Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich die Orientierung nicht hoffnungslos verloren habe. Ich weiß, woher ich gekommen bin, wo die angrenzenden Gipfel liegen und wo der Rückweg verläuft. Zumindest ungefähr. Ich darf mich nur nicht bewegen. Wenn ich mich jetzt einmal um die eigene Achse drehe, bin ich verloren.

Einige Minuten stehe ich regungslos in der Senke zwischen Ludwigshöhe und Parrotspitze. Guter Dinge, dass sich der Nebel lichten wird. Aber der Wind ist abgeflaut. Kaum zu glauben, hat er vor einer Stunde doch noch Sportgeräte vom Gipfel der Vincent-Pyramide gefegt.

Nachdem Vroni umgekehrt ist, um ihre Fingerkuppen zu retten, habe ich meine Viertausender-Sammlung fortgesetzt und wollte über Balmenhorn, Corno Nero und die Ludwigshöhe zur Parrotspitze aufsteigen.

4000er-Sammlung: Balmenhorn, Corno Nero und Ludwigshöhe

Das Balmenhorn ist der niedrigste der vier Berge und von der Vincent-Pyramide als erstes erreichbar. Nach 15 Minuten überklettere ich den felsigen Gipfelaufbau. Eine riesige Jesusstatue und eine Biwakhütte nehmen den spärlichen Platz hier oben ein. Im Vergleich zu dem christlichen Monument wirkt die Hütte klein wie eine Streichholzschachtel.

Den Corno Nero (das Schwarzhorn) als nächstes Ziel im Visier, halte ich mich nur kurz am Gipfel auf. Ich klettere über eine mit Drahtseil versicherte Stelle ab, schnalle die Skier wieder an und steige die nächsten 200 Höhenmeter auf.

Das Schwarzhorn ist für mich der spannendste der heutigen Gipfel. Der Name passt perfekt. Pechschwarzer Fels formt den Schlussanstieg des Berges. Das letzte Stück ist steil und von Eis durchsetzt. Ich lege Steigeisen an und nehme den Pickel zur Hand. Die kurze Kletterpassage macht richtig Spaß. Den Gipfel teile ich mir heute nur mit einer kniehohen Marienstatue, die auf dem schmalen Grat steht.

Ich stehe auf der Grenze zwischen zwei Welten. Vor mir liegt das Aostatal im Sonnenschein, hinter mir nähert sich eine Nebelfront. Will ich am nächsten Gipfel noch etwas sehen, muss ich mich beeilen. Ich klettere ab und rutsche, ohne meine Felle abzuziehen, zum Fuße der Ludwigshöhe (4.344 m).

Ein sanfter Schneegrat führt hinauf zum höchsten Punkt des Berges. Ich schnalle meine Skier ab und beschreite diesen hochalpinen Laufsteg – Haute Couture im Monte Rosa.

Die Ludwigshöhe trägt heute weiß. Ich sehe nichts. Etwas enttäuscht trotte ich zu meinen Skiern zurück. Optimistisch, dass sich der Nebel wieder verziehen wird. Der Wind ist stark und heute hoffentlich einmal auf meiner Seite. Ich fahre in die Senke zwischen Ludwigshöhe und Parrotspitze ab. Und bin verloren.

Am Tag danach: Parrotspitze, Ludwigshöhe, Schwarzhorn und Balmenhorn (von links nach rechts)

Im Nebel gefangen

Mein Herz pocht wild. Sein Schlag ist das einzige, das ich höre. Ich habe mich in der Zwischenzeit weder bewegt, noch eine Entscheidung getroffen, wie ich weiter verfahren werde. Ich ärgere mich, nicht früher umgekehrt zu sein. Ich war übermotiviert und gipfelgeil.

Ich verscheuche den Besserwisser in meinem Kopf. Vorwürfe kann ich mir machen, wenn ich sicher zurück an der Hütte bin. Von unserer Tour auf die Signalkuppe am Vortag kenne ich den Verlauf des Rückweges und weiß, in welche Richtung ich mich zirka halten muss.

Zum ersten Mal bin ich froh über die Navigations-Tools meiner Suunto. Hektisch wähle ich die Funktion aus, mit der ich meine bisherige Route zurückverfolgen kann. Wenn ich die drei Gipfel in einem Linksbogen umfahre, sollte ich wieder am Lysgletscher unterhalb der Vincent-Pyramide ankommen.

Langsam taste ich mich voran. Immer im Auge, mich nicht zu weit von meiner Aufstiegsspur zu entfernen. Keinesfalls darf ich nach rechts abdriften – Spaltenzone!

In mir löst sich ein Schrei der Erleichterung, als ich auf unsere Aufstiegsspur unterhalb der Vincent-Pyramide stoße. Ich bin voller Adrenalin und an der Hütte wird mir bewusst, dass ich am ganzen Körper zittere. Es war keine schöne Erfahrung, alleine und orientierungslos in einem Gebiet zu wandeln, das ich so gut wie gar nicht kenne. Aber eine Erfahrung, die ich wohl machen musste.

Tourdaten

  •  Höhenmeter: 1.000
  • Länge: 8 Kilometer
  • Dauer: 4 Stunden (gesamte Tour)

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