Klettern Touren

Großer Buchstein: Klettern und Gaumenfreuden

Die Gourmetküche am Buchsteinhaus genießen und als zweites Dessert eine neue Klettertour in der Südwand des Buchsteins draufsetzen. Wenn dich das Gesäuse mit allen Künsten verwöhnt.

Fotos: Andreas Hollinger

Kletterer essen gerne und viel. Zumindest ist das bei mir und all meinen Kletterfreunden so. Was gibt es also Besseres, als eine Futterstation direkt am Fuße einer der schönsten Kletterwände im Gesäuse? Mein Futterhaus ist dieses Mal das Buchsteinhaus unterhalb der Südwand des Großen Buchsteins. Mein Kletterfreund Andi Hollinger. Unsere letzte gemeinsame Tour ist ziemlich genau ein Jahr her. Damals war auch Vroni mit dabei. Auf sie müssen wir heute verzichten. Während wir uns am späten Nachmittag in Gstatterboden für den Aufstieg zum Buchsteinhaus fertigmachen, sitzt sie vermutlich noch im Büro und kämpft sich durch ihre User Storys.

Buchsteinhaus: Gourmetküche mit Bergluft

Die Rucksäcke mit Einfachseil, Expressschlingen und Schlafsäcken bepackt, marschieren wir durch einen lichten Buchenwald hinauf zum Buchsteinhaus. Wir wollen über Nacht bleiben, uns von Wirt und Koch Helmut Tschitschko alias Tschitschi verwöhnen lassen und am nächsten Morgen durch eine der Mehrseillängen-Routen in der Buchstein-Südwand schleichen.

In vielen Serpentinen schlängelt sich der Weg nach oben. Immer wieder bricht die Sonne durch das Blätterdach und kitzelt uns an den Nasenspitzen. Während wir gemütlich gehen, trägt mir Andi Tschitschis Speisekarte vor. Nach dem sieben Kilometer langen Marsch erreichen wir zwei Stunden später sabbernd die Sonnenterrasse des Buchsteinhauses.

Wir lassen uns auf einem der rustikalen Holztische nieder und hängen unsere nassen Shirts zum Trocknen über das Geländer in die Abendsonne. Kaum angekommen, streckt Tschitschi schon den Kopf aus der Küche. Ein Geschirrtuch lässig in die Schürze gesteckt, das weiße T-Shirt mit Spritzern von Saucen und Dressings überzogen. Wie es sich für einen richtigen Koch gehört. „Habt’s an Hunger?“ Was er denn anbieten könne, fragt Andi. Kalbsbacken mit Semmelknödel und Schwammerlsauce, gefüllte Couscous-Paprika mit mexikanischer Tomatensauce und Kartoffeln. Nehmen wir.

Mit dem Wissen, dass sich Tschitschi unseren Mägen annehmen wird, gleiten unsere Blicke über die Südwand des Buchsteins. Kletterrouten in fast allen Schwierigkeitsgraden sind dort eingebohrt. Vom Westgrat (III) bis zum Feuerland (VIII+). Aber auch der gewöhnliche Bergsteiger findet am Buchstein neue Herausforderungen: Der Normalanstieg führt durch die Westschlucht (I) auf den Gipfel. Alternativ kann man auch den Wengerweg (II) oder den Südwand-Klettersteig (A/B) nehmen.

Wir nehmen erst einmal Messer, Gabel und Löffel in die Hand. Unser Essen ist fertig. Kalbsbacken und Paprika – beides sieht großartig aus und schmeckt noch besser. Die Wände der Hochtorgruppe leuchten in der untergehenden Sonne in derselben Farbe wie die Tomatensauce in meinem Teller. Feuerrot. Wir bleiben sitzen, bis die Sonne zu tief steht, um mit ihren Strahlen den Gipfel des Hochtors zu erreichen.

Die Hochtour-Gruppe im Abendrot.

Kurz nach 22 Uhr kuscheln wir uns in die Lagerbetten. Die sind wirklich kuschelig. Es gibt richtig große Kopfpolster und Daunendecken. Ich schlafe tief und fest bis sieben Uhr durch. Dann lockt uns Kaffeeduft und ein üppiges Frühstücksbuffet in die Stube.

Weniger gut als Käse, Wurst, Müsli, ein weich gekochtes Ei und frisches Obst schmeckt der Blick aus dem Fenster. In der Nacht ist Regen gefallen und immer noch hängen tiefe Wolken über dem Ennstal. Andi und ich sind verwirrt. War doch perfektes Bergwetter vorhergesagt. Wir sammeln dennoch unsere Klettersachen zusammen. Tschitschi wünscht uns viel Spaß. „Aber passt’s auf und seid nicht zu lange aus. Das Wetter schaut nicht gut aus heute.

Lindnblia oder Buchstein Südgrat? Irgendwie beides!

Ab dem Buchsteinhaus folgen wir für gut 20 Minuten dem Normalweg bis auf eine Höhe von 1.800 Metern und halten uns dann rechts zu den Einstiegen der Südwandrouten. Wir wollen auf jeden Fall die ersten Längen der Lindnblia (VI) klettern. Sollte sich das Wetter nicht bessern, können wir nach der zweiten Seillänge zum Südgrat hinüberqueren. Über leichtes Klettergelände (I-II) erreichen wir den Einstieg links von der Gamsschlucht, die zum Südgrat hinaufführt.

Die Lindblia ist eine von Andis Herzrouten. Er hat sie selbst eingebohrt und seiner Frau Linda gewidmet. Ich finde das tief romantisch und freue mich auf eine gut abgesicherte Genussklettertour.

Auf den ersten Seillängen (IV-) sind keine großen Schwierigkeiten zu erwarten. Wir lassen die Kletterpatschen am Gurt baumeln und die Zustiegsschuhe beziehungsweise Trailrunning-Schuhe an.

Gerade, als ich mit dem Fels warm werde, trommeln Regentropfen auf meinen Helm. Zuerst nur wenige, aber genügend, um mir ein mulmiges Gefühl zu geben. Weil der Regen eher stärker wird, als nachzulassen, klettern wir nach der zweiten Seillänge auf einem Quergang zum Einstieg des Südgrats. Das Gelände wird hier nie schwieriger als IV- und ist auch bei Nässe flott kletterbar.

Über den Südgrat auf den Buchstein

Etwas Gutes hat der Schwenk. Wir müssen uns nicht in die engen Kletterpatschen zwängen, sondern können weiterhin die Zustiegsschuhe anbehalten. Ich bin froh, dass ich mir meine Regenjacke an den Gurt gehängt habe. Am ersten Standplatz im Südgrat wird es frisch und ich freue mich über die zweite Haut.

Die nächsten drei Seillängen (III+) sind einfach zu klettern. Der Fels ist griffig, hin und wieder müssen wir auf lockere Steine aufpassen. Wir gelangen durch eine Rinne und eine Verschneidung zu einer großen, von Wasser zerfressenen, Platte. Die Platte könnte man links umgehen. Wir nehmen die direkte, etwas schwierigere Variante (IV-).

Die Sohlen meiner Trailrunning-Schuhe beweisen auf dem glatten Fels wieder einmal, warum ich vollkommen auf ihren Grip vertrauen kann. Dennoch hätte ich jetzt nichts gegen die Stabilität von Kletterpatschen.

Am nächsten Standplatz folge ich mit dem Blick dem Verlauf der Enns. Direkt gegenüber ragen die Nordwände der Hochtorgruppe in den Himmel, der Grimming liegt im Dunst des Morgens und ganz am Horizont blitzt der Dachsteingletscher hervor.

Vor hier hat man auch einen guten Einblick in den weiteren Verlauf der Lindnblia. Die Schlüsselstelle befindet sich in einer schwarzen Wand direkt vor meiner Nase. Etwas wehmütig gehe ich im Kopf die Kletterzüge durch, um die Steilstufe zu überwinden. Das nächste Mal…

Der Routenverlauf am Südgrat führt Andi und mich in drei Seillängen in einem Rechtsbogen zum Standplatz beim Wandbuch. Ich nutze das feine Podest mit 1a Gesäuse-Panorama, um die Schuhe zu wechseln. Es ist doch ein anderes Klettergefühl mit den engen Patschen.

Auf den letzten Seillängen nimmt die Steilheit und die Schwierigkeit des Geländes noch etwas zu. Und auch die Sonne zeigt sich wieder!

Ausstieg über die Direttissima

Ich hänge meine Regenjacke zurück an den Gurt. Und weil es so schnell nicht nach einem Wetterumschwung aussieht, lassen wir den Südgrat links liegen und wählen den direkten Ausstieg (2 SL, IV+) aus der Tour. Es sind wohl die schönsten Klettermeter des Tages. Die Route endet am Gipfelplateau des Großen Buchsteins, dort wo auch der Klettersteig sein Ende nimmt.

Klettern am Buchstein Südgrat im Gesäuse mit direktem Ausstieg.

Der Vollständigkeit halber wandern Andi und ich noch zum Gipfel hinüber. Ich weide meinen Blick in der fantastischen Landschaft des Gesäuses. Das Hochtor, die Planspitze, der Admonter Reichenstein, der Kalbling und die Haller Mauern. Ja, ich muss noch einige Male wiederkommen, um alle Wunschtouren abzuhaken.

Abstieg über den Südwand-Klettersteig

Der schnellste Weg zurück zum Buchsteinhaus führt über den Klettersteig. Erst unten am Einstieg zum Klettersteig bemerke ich, dass einer meiner Kletterschuhe abhanden gekommen ist. Ich laufe den Weg zurück, kann den Schuh aber nirgends ausfindig machen. Er könne überall in der Südwand sein. Ich gebe die Suche auf. Sehr ärgerlich, habe ich ihn doch gerade erst neu besohlen lassen.

Zurück an der Hütte berichte ich Tschitschi von meinem Verlust. Er verspricht, sich bei seinen Gästen nach dem verschollenen Schuh umzuhören und tröstet mich mit einem knackigen Frischkäsesalat und Topfenstrudel.

Selten und schön

Lange können uns Andi und ich nicht auf der Terrasse sonnen. Um 18 Uhr muss Andi bei Radio Frequenns sein. Er hält dort alle 14 Tage eine Live-Sendung und ich bin heute sein Stargast.

Während des Abstiegs schwärmt Andi durchgehend von seiner Blume. Sie sei unglaublich schön und selten. Auf der ganzen Welt sei sie nur im Nationalpark Gesäuse anzutreffen. Sie ist eine Endemitin, die Zierliche Federnelke.

Sogar Pfarrer Gabriel Strobl hätte sie im 1868 schon im Gesäuse beobachtet. In verblühtem Zustand wohl bemerkt und zwar genau an jener Stelle, die Andi und ich gleich passieren werden. Aufmerksam suche ich den Wegesrand nach der Schönheit ab. Andi meint, ich solle mich nicht zu sehr anstrengen. Ich würde die Pflanze nicht erkennen. Ich bin verwirrt. Eine so schöne Blume müsste mir doch auffallen.

Wir erreichen ein ausgetrocknetes Bachbett und den Forstweg, der zur Materialseilbahn des Buchsteinhauses führt. „Ahhh hier ist sie“, verkündet Andi und zeigt auf eine karge Böschung. Hä?! Ich klebe mir der Nase fast am Boden. Vielleicht ist die Pflanze ja so klein, dass man sie nur aus der Nähe erkennt. Ich zeige auf mehrere Blüten. Das? Oder die? Immer daneben. Andi befreit mich von meiner Ungeduld und deutet auf einen Busch voller brauner Stummel. Zierlich ja, aber schön?

Das kann nur 1 Joke sein, denke ich mir. Farblos, ja fast hässlich ragen mehrere braune Stängelchen aus dem Schotter. Keine Biene und kein Schmetterling nährt sich am Nektar farbenfroher Blüten. Ich bin enttäuscht. Andi erklärt mir, dass die Blume Anfang August bereits verblüht ist und dies nur die Fruchtstände sein.

Um mir ihre Schönheit zu beweisen, schickt mir Andi nach unserer Tour dieses Bild von der Pflanze in voller Blüte. Ja, sie ist wirklich wunderschön, die Zierliche Federnelke.

Die Radiosendung war übrigens ebenfalls eine tolle Sache. Wir haben eine Stunde lang über das Thema Wandern und Gehen gesprochen.

Wer die Sendung nachhören will, kann das hier tun.

Und auch von der Schuhfront gibt es Positives zu berichten. Auf Umwegen ist er über Tschitschi zu Andi gelangt und wartet jetzt bei ihm auf die nächste gemeinsame Klettertour. Die sehr, sehr bald sein wird. Bleibt gespannt.

Topo und Toureninfo

Völlig ungeplant haben Andi und ich eine Neutour am Buchstein zusammengehängt. Jürgen von der Alpinschule Alpinstil war so lieb und hat gleich ein Topo der Route angefertigt.

Durch die Sanierung der Route und die Einstiegsmöglichkeit über die „Lindnblia“ ergibt sich eine absolut empfehlenswerte, abwechslungsreiche Linie. Der Fels ist überraschend gut. Der direkte Ausstieg bietet schöne Kletterstellen, ist aber doch um einiges schwerer und anspruchsvoller als der Rest. Sicherlich die schönste Route am Buchstein in dieser Schwierigkeit.

Topo Lindnblia-Südgrat

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