Skitouren Touren

Skitouren im Monte Rosa: Berghasen auf 4.000

Rund um die Gnifetti-Hütte im Monte Rosa kann man ganz wunderbar Jagd auf Viertausender machen.

Es wird hell im Aostatal. Allmählich kann ich erkennen, wo wir gestern spätnachts angekommen sind. Unser Bus steht mitten auf dem riesigen Parkplatz des Monte-Rosa-Skigebiets in Stafal. Um sieben Uhr klingelt der Wecker – um acht Uhr zippen wir unsere Schlafsäcke auf. Es ist kalt hier auf 1.800 Metern Seehöhe.

Mit dem Sonnenaufgang füllt sich der Parkplatz; Fiat Puntos und 500 umzingeln uns. Skifahrer, Bergsteiger und Skitourengeher treffen letzte Vorbereitungen für ihren Tag am Berg. Es ist unschwer zu erkennen, wer heute hoch hinaus will. Um uns herum legt man Hochtourengurte an, knüpft Knoten in Seile, fixiert Steigeisen und Pickel auf Rucksäcken. Eisschrauben, Tuber und Prusikschlingen werden auf die Materialschlaufen der Klettergurte verteilt. Dann schultern sie ihre Skier und treten den Weg zur Gondel an, die sie auf 3.300 Meter bringen wird.

Wir sitzen auf unseren Camping-Stühlen, wärmen uns in der Morgensonne auf und beobachten die Szenerie mit amüsierten Blicken. Ich dränge zum Aufbruch. Nicht, weil ich Angst habe, die Gondel zu verpassen, sondern weil uns ein Aufstieg von 1.800 Höhenmetern bevorsteht. Wir verzichten auf die Liftunterstützung und steigen zu Fuß zur Gnifetti-Hütte auf – dem Stützpunkt für unsere Viertausender-Besteigungen im Monte-Rosa-Massiv in den kommenden Tagen.

Schwitzen und schnaufen: Aufstieg zur Capanna Gnifetti (3.647 m)

Die Hütte erreicht man am einfachsten über die Pisten des Monte-Rosa-Skigebiets. Die Talabfahrt nach Stafal ist wegen Schneemangels gesperrt. Für uns bedeutet das: zuerst einmal Ski tragen. Nach einer halben Stunde Schleppen finden wir eine annehmbare Schneedecke vor und schnallen die Tourenskier an.

Die Piste liegt verlassen vor uns. Begleitet werden wir nur von den Blicken der Gondelfahrer, die über unsern Köpfen hinwegschweben. Auf der Piste spulen wir die Höhenmeter zügig ab und erreichen bald die Mittelstation der Gondel. Auf einer Hütte genehmigen wir uns einen Vormittags-Cappuccino. Der schmeckt in Italien sowieso und auf dieser Höhe ganz besonders gut.

Dann endlich verlassen wir die Piste und treten ins freie Gelände ein. Wir lassen die Gondel rechts liegen und zweigen links in ein Seitental ab, durch das auch eine Freeride-Variante von Indren (3.275 m) herabführt – dem höchsten Punkt, den man hier mit der Seilbahn erreichen kann.

Das Gelände wird immer weitläufiger. Langsam realisieren wir, dass wir wirklich in den Westalpen angekommen sind. So viele, so hohe Gipfel stapeln sich am Horizont. In der Mittagshitze durchkreuzen wir eine Rinne. Schnaufend erreichen wir ein Plateau und können das Rifugio Mantova erkennen. Die Capanna Gnifetti liegt nur 200 Meter darüber.

Doch die Nähe trügt. Wir quälen uns den nächsten Anstieg hinauf. Sind müde, ausgelaugt, schwitzen und frieren zur selben Zeit. Wind frischt auf, Wolken und Nebel dämpfen die Sonne, erste Schneeflocken fallen. Wer hier die Dreitausender-Marke überschreitet, tritt in eine unberechenbare Bergwelt ein.

Von Sonne und Wind gebeutelt erreichen wir am frühen Nachmittag die Capanna Gifetti. Die Hütte ist uns auf Anhieb sympathisch, obwohl wir die nächsten Tage mit vielen Entbehrungen zu kämpfen haben werden.

Hüttenleben auf 3.600 Metern – nichts für Prinzessinnen

Würgend stößt Vroni die Tür zu unserem Schlafzimmer auf. „Ich kann das nicht! Das ist einfach viel zu ekelig. Ich muss mich fast übergeben, sobald ich die Tür öffne!“ Die Rede ist nicht von unserer Schlafzimmer-, sondern von der Toilettentür.

Die Sanitäranlagen auf der Gnifetti-Hütte haben sich für ein Leben lang in unsere Sinne eingebrannt. Auf dieser Höhe gibt es im Winter kein fließendes Wasser. Das bedeutet: keine warme Dusche nach der Skitour – nicht einmal eine kalte Dusche. Keine Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, oder sich nach dem Zähneputzen den Mund auszuspülen. Und auch kein Wasser für die Toilettenspülung.

Die Italiener helfen mit Steh-Plumpsklos ab. Die Geschäfte fallen durch ein Loch nach draußen. Darunter wird das ganze in riesigen Bottichen gesammelt. Nachgespült wird mit einer Flüssigkeit, wie wir sie aus Dixi-Klos kennen. Diese stellt die Hütte in handlichen Kanistern bereit.

Mehre Tage ohne Dusche, okay. Mehrere Tage ohne Toilettengang – schwierig. Und so bleibt Vroni keine andere Möglichkeit, als einen zweiten Anlauf zu wagen. Was wir schnell festgestellt haben: Für längere Zeit die Luft anzuhalten, gestaltet sich auf dieser Höhe schwierig.

Besonders erfrischend wird der Toilettengang, wenn draußen der Wind in Orkanstärke bläst und die kalte Luft durch das S*****loch oben gegen deinen Allerwertesten pfeift. Wir hatten jeden Tag Sturm. An unserem letzten Tag auf der Hütte sind die Außentemperaturen über Nacht so tief gefallen, dass die Klochemikalie in den Kanistern gefroren ist. Und auch sonst alles, das im Waschbereich hinterlassen wurde. An diesem Tag haben wir es wirklich nicht durch die Toilettentür geschafft.

Wir sind während unseres Aufenthalts kreativ geworden; haben uns vor der Hütte mit Schnee gewaschen oder einfach ignoriert, dass wir ein paar Tage grausig sind.

Multikulti und italienische Küche

Was dir die Hütte am einen Ende abverlangt, gibt sie dir am anderen zurück. Die Herzlichkeit des Personals lässt die Kälte draußen vergessen. Alles ist komprimiert und heimelig. Wir schlafen in gemütlichen Vierbettzimmern mit Panoramablick auf das Aostatal und essen mit allen anderen Gästen in einer Stube zu Abend. Hier hält man sich gerne auf. Überbrückt die Zeit bis zum Abendessen mit Kartenspielen, quatscht mit Italienern, Spaniern, Engländern – ach mit der halben Welt.

Stimmengewirr in der Gaststube, das abrupt endet, sobald die Kellnerin den ersten Gang auf den Tisch stellt. Wir löffeln Suppe, schaufeln Pasta in uns hinein, naschen Käse und kauen zartes Fleisch. Die Portionen sind groß, Nachschlag gibt es immer und Nachtisch auch. Und das Wichtigste: es schmeckt wie beim Lieblingsitaliener.

Am ersten Abend spendiert die Hütte jedem Tisch eine Flasche Genepy – ein Likör aus diversen Bergkräutern und im Aostatal eine Spezialität. Zu fünft leeren wir die Flasche. Genügend trinken soll man auf dieser Höhe. Und da der Liter Wasser vier Euro kostet, kommt der Schnaps gerade recht. Wir machen uns warm für unsere Ausflüge über 4.000 Meter in den nächsten Tagen.

Viertausender-Parade um die Gnifetti-Hütte

Wir haben schlecht geschlafen. Trotz Genepy. Der Atem geht schwer auf dieser Höhe, der Schädel pocht nicht nur vom Alkohol. Die Strapazen der Nacht und der Toilettenbesuch am Morgen sind vergessen, als ich kurz vor Sonnenaufgang die knarrende Holztür auf die Terrasse der Hütte öffne.

Über dem Flachland Norditaliens hängt Nebel. Unter ihm liegt irgendwo Mailand. Der Horizont im Osten glüht in sämtlichen Farbnuancen zwischen Gelb und Rot. Weiter im Westen schillert der Himmel violett. Nach wenigen Minuten, die sich bei Sturm und Kälte anfühlen wie ein halber Tag, leuchten die höchsten Gipfel der Westalpen im Morgenlicht.

Noch auf keiner Hütte habe ich einen vergleichbaren Sonnenaufgang bei ähnlichem Panorama erlebt. Die Capanna Gnifetti ist eine der höchstgelegensten Hütten in den Alpen. Das erklärt sowohl die Traumaussicht, als auch den beißenden Wind, der während unseres Aufenthalts fast ununterbrochen über den Lysgletscher fegt. Der Gletscher zieht zwischen Vincent-Pyramide und Lyskamm bis zur Hütte herab und bricht an einer Felskante spektakulär ab.

Das Rifugio Gnifetti selbst steht, so geschützt es in dieser ausgesetzten Lage möglich ist, angelehnt an einem Felsabsatz. Die letzten Meter zur Hütte legt man kletternd über einen seilversicherten Steig zurück.

Aussichtsreiche Lage: Die Gnifetti-Hütte direkt am Lysgletscher

Einmal in dieser Parallelwelt im Hochgebirge angekommen, stehen dem Bergsteiger Möglichkeiten offen, sie sind an zwei Händen nicht abzuzählen. Erste Luft auf über 4.000 Metern schnuppern – das geht rund um die Gnifetti-Hütte an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz ganz hervorragend. Im Monte-Rosa-Massiv fällt man sprichwörtlich von einem Viertausender auf den nächsten. Die Anstiege sind je nach Gipfel leicht bis herausfordernd.

Von der Gnifetti-Hütte auf die Signalkuppe

Wir sind geil darauf, sofort richtig hoch hinauszukommen. So nehmen wir uns für den ersten Tag den höchsten Gipfel in der Umgebung vor: die Signalkuppe – mit 4.554 Metern ist sie immerhin die sechsthöchste Erhebung in den Alpen. Ein Fehler, wie wir spätestens nach der Hälfte der Tour erkennen sollten. Ohne Akklimatisierung, bei Wind in Orkanstärke und Temperaturen im zweistelligen Minusbereich wird die Tour zum Kampf gegen die Elemente und gegen uns selbst.

Der Anstieg selbst ist technisch wenig anspruchsvoll. Bis knapp unter den Gipfel können wir mit Skiern aufsteigen. An der Gipfelflanke hat der Wind Blankeis freigelegt. Wir wechseln kurz auf Steigeisen – oben fallen wir uns erschöpft in die Arme. Im Winterraum der Margherita-Hütte hüllen wir uns in Decken und wärmen uns auf.

Als der Schüttelfrost nachlässt, können wir endlich unsere zusammengekniffenen Augen öffnen und die Gebirgslandschaft wahrnehmen, die uns umgibt. Es ist abartig schön. Dufourspitze, Matterhorn, Mont Blanc. All die namhaften Westalpen-Gipfel umringen uns – auf einem stehen wir selbst.

Vier auf einen Streich

Wer schlauer pokern und nicht gleich am ersten Tag seine kostbaren Energiereserven erschöpfen will, der kann von der Gnifetti-Hütte auf eine Menge kleinerer Touren aufbrechen, die der Signalkuppe in Sachen Schönheit um nichts nachstehen. Okay, fast.

Von links nach rechts: Parrotspitze, Ludwigshöhe, Schwarzhorn und Balmenhorn

Der Himmel lockt mit trügerischer Bläue, als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster blicken. Einmal die Nasenspitze aus der Eingangstür gehalten und wir stellen fest: der Wind nimmt weiter an Stärke zu. Der Aufstieg zur Hütte, die Höhe und die gestrige Besteigung der Signalkuppe haben uns müde gemacht. Erneut gegen Sturm und schweren Atem ankämpfen? Klar!

Wieder plagen wir uns den Gletscher hinauf. Erneut versucht uns der Wind, mit aller Kraft zu bremsen. Unser Timing gestern war wohl doch nicht so verkehrt. Wir sind froh darüber, es heute gemütlicher angehen zu können und stapfen zur Vincent-Pyramide hinauf. Ein perfekter Aussichtsberg, nur 600 Höhenmeter muss man von der Capanna Gnifetti aus zurücklegen. Dementsprechend viele Skitourengeher wuseln den Gipfelhang hinauf, der einfach zu überwinden ist und stets mäßig ansteigt. Viele lassen sich heute vom Wind abschrecken, einige überholen wir am Weg. Oben sind wir alleine. Perfekt erwischt. Bei klarer Sicht blickt man vom Gipfel bis nach Mailand – bei grandioser bis an die Adria.

Wen die Vincent-Pyramide nicht auslastet, der kann wie wir ein paar weitere Gipfelchen dranhängen. Wir fahren über die Nordseite ab und kommen direkt am Fuße des Balmenhorns (4.167 m) zum Stehen. Knapp Einhundert Höhenmeter zusätzlich und man hat den nächsten Viertausender in der Tasche. Eine zwei Mann hohe Jesusstatue und eine Biwakschachtel nehmen den spärlichen Platz am Gipfel ein.

Viel mehr Platz findet man auf den übrigen Gipfeln auch nicht vor, die man am Weg Richtung Signalkuppe einsammeln kann. Die nächste Erhebung nach dem Balmenhorn ist der Corno Nero (4.322 m), zu Deutsch das Schwarzhorn. Der Name passt perfekt. Pechschwarzer Fels formt den Gipfelaufbau des Berges. Für den steilen Schlussanstieg legt man am besten Steigeisen an und nimmt den Pickel zur Hand.

Ein etwas sanfterer Gipfel ist die Ludwigshöhe (4.344 m). Den höchsten Punkt des Berges erreicht man über einen schmalen Schneegrat – ein Laufsteg im Hochgebirge. Von der Form her ähnlich, nur etwas imposanter und höher ragt die Parrotspitze aus dem schneebedeckten Plateau. Dichter Nebel verwehrt uns diesen Gipfel. Wir kehren zur Hütte zurück, bevor wir die Orientierung komplett verlieren.

Über den Naso del Lyskamm auf den Castor

Am dritten Tag verwerfen wir unser Vorhaben, die Dufourspitze zu besteigen. Zu stark ist der Wind und zu tief fallen die Temperaturen – dem langen und anspruchsvollen Weg fühlen wir uns bei diesen Bedingungen nicht gewachsen. Nach einer Alternative müssen wir nicht lange suchen – zu vielfältig sind die Möglichkeiten. Landschaftlich scheint uns die Querung über den Naso del Lyskamm zum Rifugio Quintino Sella sehr reizvoll.

Weitere optionale Gipfel an diesem Tag sind das Felikhorn und der Castor, die man beide von der Sella-Hütte erreicht. Am Vorgipfel des Castor geben wir uns Wind und Nebel geschlagen. Zu weit vorgerückt ist die Zeit, zu riskant die Wanderung auf dem Grat, der knapp drei Fußbreit misst.

Trotzdem glücklich über den herausfordernden Tag machen wir uns auf den Rückweg zum Rifugio Sella und steigen noch am selben Tag über einen Klettersteig, freies Gelände und das Skigebiet nach Stafal ab. Ein Kreis schließt sich. Vier Tage Ausgesetztheit in den Bergen sind vorüber. Willkommen zurück in der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit teilt auch gleich einen Faustschlag aus: Unser Bus springt nicht an. Nach acht Stunden Schwerstarbeit am Berg – anschieben! Als der Motor anspringt; Jubelschreie. Die nächste Fahrt führt uns ohne Umschweife in eine Pizzeria.

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