Skitouren Touren

Großglockner to go

Der Großglockner als Tagestour. Perfekt, wie man ihn selten erwischt. Einfach zum Mitnehmen.

Fotos: David Geieregger

Piep, piep, piep. Der Alarm meiner Suunto reißt mich aus dem Schlaf. Vier Uhr. Einmal noch umdrehen. Aber der Großglockner ruft. Dieser Ruf vertreibt jede Müdigkeit. Fast. Schläfrig schleppe ich meine Ausrüstung ins Auto und packe Porridge zum Frühstück ein. Dann mache ich mich auf den Weg nach St. Johann, um meine Begleitung für heute aufzugabeln.

Verschlafen steckt David den Kopf durch die Beifahrertür. Es sei zu früh. Bald schießen Witze über Berglöwen mit Riesenmähne durch den Wagen. Wir sind hellwach. Eineinhalb Stunden später steigen wir unter Lachkrämpfen am Parkplatz Lucknerhaus aus dem Auto. Ausgangspunkt unserer Skitour auf den Großglockner.

Es beginnt gerade zu dämmern. Der Glockner thront im Morgenlicht vor uns. 3.798 Meter. Seine steilen Flanken wirken im Grau des Tagesanbruches abschreckend und respekteinflößend. Der Weg zum Gipfel sieht wie jedes Mal unschaffbar weit aus. Da hoch? An einem Tag? Wird schon gehen!

Die ersten Schritte Richtung Stüdlhütte tragen wir die Skier. Der Schnee in Osttirol verabschiedet sich heuer früh. David zeigt sich solidarisch und hat die Rennski gegen breite Latten getauscht. Wir wollen es gemütlich angehen. Kein Zeitdruck. Jeden Moment auskosten. Nach einer Viertelstunde Tragearbeit schnallen wir die Skier an. Wir folgen der Straße bis zur Lucknerhütte. Nach der ersten Steilstufe halten wir uns eher rechts, um uns den Umweg über die Stüdlhütte zu ersparen.

Die ersten 1.000 Höhenmeter mache er keine Bilder, stellt Hobby-Fotograf David klar. Mein Blogger-Herz schmerzt. Auch wenn wir uns für heute eine entspannte Tour vorgenommen haben – den Rennläufer kann er nicht vollkommen unterdrücken.

Unsere Bilderreihe startet somit am Rand des Ködnitzkees. Susi beim Eincremen (dank David weiß ich jetzt, dass es auch 100+ gibt). Susi am Gletscher mit Glockner im Hintergrund. Susi, die lacht und froh ist, dass der Gipfel gar nicht mehr so weit entfernt erscheint.

Am Gletscher halten wir kurz an und besprechen, welche Aufstiegsroute wir auf die Adlersruhe wählen. Zur Auswahl stehen drei Varianten:

  1. Der Klettersteig zur Erzherzog-Johann-Hütte rechts des Gletschers am Grat entlang

  2. Die Direttissima über den Gletscher mit Skiern

  3. Die Rinne etwas links des Klettersteiges

Ersteres fällt weg, weil wir keine Lust auf Klettersteig haben und noch nicht auf Steigeisen wechseln wollen. Zweiteres erübrigt sich ebenfalls. Der Schnee in der 40° steilen Gletscherflanke ist trotz Sonneneinstrahlung noch hartgefroren. Harscheisen haben wir nicht dabei. Wir wählen die dritte Möglichkeit und steigen mit Skiern möglichst nahe zur Rinne auf. Ski auf den Rucksack schnallen und stapfen! Unsere Schritte durchbrechen den Harschdeckel und die Schuhe finden ohne Steigeisen guten Halt.

Wenn die Ski vor dir abfahren

Die Rinne zieht sich. Der Atem geht schwer. Ich kann nicht leugnen, dass ich die Höhe von 3.000 Metern spüre. In Trance trete ich in Davids Fußstapfen. Und dann passiert das Unglaubliche. Ein Ruck und Davids Skier lösen sich vom Rucksack. Die Skier schlittern schneller an mir vorbei, als ich meine Arme ausstrecken kann. Sprachlos, mit offenen Mündern sehen wir zu, wie sich die Zwei mehrmals überschlagen und an einem Felsabsatz in die Luft schießen. Einer verkeilt sich noch in der Rinne in den Felsen. Der andere nimmt weiter Fahrt auf und rast den Gletscher hinab. Direkt auf eine Gruppe von vier Tourengehern zu. Oh Gott, hoffentlich trifft der Ski niemanden! Ein wagemutiger Kamerad stellt sich dem dem pfeilschnellen Ski in den Weg und fängt den Ausreißer ein. Danke Unbekannter!

Etwas erleichtert blicke ich nach oben. Meine Augen treffen Davids entgeisterten Blick. Schockmoment. Was machen wir jetzt? Lachen! Als wir uns wieder eingekriegt haben, klettern wir weiter. Raus aus dem schattigen Couloir. Die Skier sammeln wir am Rückweg ein. Wir können nur hoffen, dass die Bindungen heil geblieben sind.

Mit gefühllosen Fingern quälen wir uns das letzte Stück der Rinne hoch. Ohne Sonne nagt die Kälte auf dieser Höhe an den Fingerkuppen. Selbst an einem Traumtag wie heute.

Am Plateau oberhalb der Erzherzog-Johann-Hütte tauchen wir ein in die Welt der Dreitausender. Wir sind schon so hoch – stehen auf der Aussichtsterrasse Österreichs. Unter uns wölben sich die Hohen Tauern. Spitze Pyramiden aus Fels, von Firn überzogen. Zwischen den Gipfeln, tiefe Einkerbungen, durch die sich Gletscher wälzen. Kein Berg in der Nähe erreicht annähernd die Höhe des Großglockners. Freie Sicht in alle Richtungen. Wir stehen Stirn an Stirn mit dem Großen Wiesbachhorn und vielen anderen Tauern-Berühmtheiten.

Mit der Gewissheit, der größte Pechvogel des Tages zu sein, setzt David den Aufstieg nach der Rinne zu Fuß fort. Ich wechsle bis zum Skidepot am Eisleitl erneut auf Ski.

Es wird Ernst

Am Skidepot nehmen wir uns Zeit, die Steigeisen anzulegen. Wir essen Energieriegel und trinken genügend. Den übrigen Weg wollen wir ohne trödeln hinter uns bringen. Beim Gedanken, dass ich den Grat zum Großglockner gleich ohne Seilsicherung überwinden werde, bekomme ich weiche Knie. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich der Gratwanderung mit Gelassenheit oder Furcht entgegenblicken soll. Bei genauerem Nachdenken erscheint mir beides unklug. Ich entscheide mich für Respekt und stapfe los.

Ich hasse Gehen mit Steigeisen. Besonders, wenn die Tritte im Schnee von und für Riesen gemacht wurden. Im steilsten Stück des Eisleitels muss ich mit den Händen nachhelfen, um meine Füße auf die Schneestufen zu hieven. Ich bin erleichtert, als wir die Rinne verlassen und mit dem spannenden Teil beginnen können.

Der Kleinglockner liegt geebnet vor uns. Menschenleer. Von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, perfekte Tritte vorgeformt. Nur hin und wieder knirschen die Steigeisen am Fels. Wir gehen mit Stöcken weiter. Der Pickel ist überflüssig.

Ich koste jeden Schritt aus. Gehe total in meiner Tätigkeit auf, verschmelze mit der Umgebung. Jede Bewegung fühlt sich harmonisch an. Ein Blick rundum bestätigt: hier geht’s ordentlich runter. Dennoch fühle ich mich geborgen und sicher an diesem lebensfeindlichen Ort. Angst? Keine Spur! Gelassenheit? Jawohl. Respekt? Natürlich! Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich mit Vroni hier umgekehrt, weil uns der Wind fast vom Grat gefegt hat. Der Glockner heute ist ein anderer. Er zeigt sich von seiner besten Seite.

Wir erreichen den Kleinglockner. Ich luge über die Wechte, die sich über den Grat zieht. Beim Anblick der Pasterze bekomme ich Gänsehaut.

Der Blick Richtung Gipfel verspricht auch einiges. Dieses Gipfelprofil ist unvergleichbar. Welch ein wunderschöner Berg! Das Kreuz am höchsten Punkt des höchsten Berges Österreichs ist nicht mehr fern. Und: Wartezeit an der Glocknerscharte. Eine träge Menschenkette schiebt sich von der Engstelle über die kurze Kletterpassage hinauf zum Gipfel. Einige sind gerade am Abstieg. Wir gehen vor zur Scharte, um die Situation aus der Nähe zu beurteilen. Die Gruselstelle rückt näher. Von unten kommt uns eine Seilschaft entgegen. Wir lassen sie passieren. Kurz bleibt mir das Herz stehen, als mich ein Typ unsanft an der Schulter anrempelt.

David geht vor. Ich klettere an der seilversicherten Stelle ab und überwinde die Scharte in drei zügigen Schritten. Länger als nötig will ich mich auf dem schmalen Sims aus gepresstem Schnee nicht aufhalten. Dann stehen wir im Stau. Pickel klimpern. Seile werden um Stangen gewickelt, abgezogen und eingeholt. Nerv.

Wir lächeln freundlich und wechseln auf die Überholspur. Dürften wir bitte? Danke. Unter teils entsetzten Blicken der Seilschaften steigen wir über ihre Stricke und überklettern die vollkommen schneefreie Schlüsselstelle zügig. Ich bin so darauf fokussiert, meine Steigeisen präzise zu setzten, dass mir überhaupt nicht in den Sinn kommt, mich zu fürchten.

Meine Steigeisen treffen wieder auf Schnee. Ein, zwei, drei Schritte und ich stehe am Gipfel. Yeah! Dienstagmittag. Strahlender Sonnenschein. Kein Wind. Keine Wolke am Himmel. 100 Kilometer Fernsicht.

Der Gipfelsieg kommt fast zu schnell. Knapp über vier Stunden waren wir am Weg. Und das trotz Skiverlust, gemütlichem Tempo und 1.900 Höhenmeter Blödsinnrederei. Mal schnell auf den höchsten Berg Österreichs. Großglockner to go sozusagen.

Den höchsten Punkt Österreichs teilen wir uns heute mit einer Gruppe Filzmooser. Falls ihr das lest: Es woa sche, enk kenna zu lerna!

Ich will mich nicht mehr vom Gipfel losreißen. Setze mich auf einen Stein, starre vor mich hin und lasse die Landschaft auf mich wirken. Leute kommen und gehen. Wir bleiben. Irgendwann wird es Zeit für den Aufbruch.

Traumabfahrt vom Großglockner

Der Rückweg zum Skidepot erklärt sich von selbst. Viele Optionen hat man als Normalsterblicher nicht. Im Glocknerleitl treffen wir einen Typen, dessen Rucksack über das Leitl abgestürzt ist. Offen. Seine persönlichen Sachen liegen am gesamten Hang verteilt. Der Rucksack ist tief unten als kleiner Punkt erkennbar. Soviel zum Thema Pechvogel. Wir helfen ihm, ein paar Dinge einzusammeln. Er selbst stopft sich Müsliriegel in den Mund, die er aus dem Schnee gräbt. Kein Essen verschwenden. Richtig so.

Auch wir haben noch eine Mission zu erfüllen. Davids Skier müssen eingesammelt werden. Am Skidepot trennen sich unsere Wege kurz. Ich quere auf Skiern zum Gletscher hinüber und nehme die klassische Skiabfahrt. David kraxelt die Rinne zurück, um Brettl Nummer eins zu suchen. Nummer zwei wird mir aufgetragen. Das ist aber am Gletscher nirgends zu sehen. Hat der Retter den Ski mit hoch genommen? Ich sehe am Skidepot unterhalb des Klettersteiges nach und tatsächlich steht dort ein einsames Exemplar. Der Ski ist heil, die Bindung ebenso. Dasselbe gilt für Davids Hälfte.

Wird doch noch etwas mit der Abfahrt vom Glockner! Wir lassen es laufen und finden vom Gletscher bis zur Lucknerhütte feinsten Firn. David, der schon über zehn Mal am Gipfel war, ist sich sicher: dies sei eine der besten Abfahrten, die er hier jemals erlebt habe.

Spontanaktion: Auf zur Essener und Rostocker Hütte!

Am Auto ziehen wir uns frische Kleidung an und stürmen die Terrasse am Lucknerhaus. Kuchen muss her! Wir verschlingen Apfel- und Topfenstrudel. Während wir am frühen Nachmittag hinter leeren Tellern in der Sonne sitzen, fragen wir uns: war’s das für heute? Ein Kuchen ginge schon noch. Und ein Gipfel für morgen wäre auch nicht verkehrt. Niemand von uns beiden hat Lust, bei diesen perfekten Bedingungen zurück nach Salzburg zu fahren. Die Vorhersage für den kommenden Tag – ähnlich wie heute.

Was machen wir morgen? Venediger? Wir sind beide nicht gänzlich überzeugt. David wählt die Nummer seines vertrauenswürdigsten Osttirol-Informanten. Tourenprofi Martin Weißkopf meint, für uns gäbe es nur eine Wahl: die Essener und Rostocker Hütte. Von dort aus könnten wir Firntouren machen, sie seien an zwei Händen nicht abzuzählen.

Wir vertrauen Martin. In Matrei besorge ich mir Linsenflüssigkeit, wir kaufen Zahnbürsten und Zahnpaste – beide völlig unvorbereitet für eine Übernachtung, die nicht angedacht war. Dann fahren wir ins Virgental. Nach Ströden. Ans Ende der Welt.

Auto parken. In die nassen Tourenklamotten schlüpfen. Besonders die Socken sind ein Graus. Warum mache ich das?! Was ich bis jetzt verdrängt habe: bis zur Hütte sind es nochmals 800 Höhenmeter. Und nach Martins Angaben müssen wir die Skier eine Stunde lang tragen, bevor wir auf Schnee stoßen. Die Details zum Aufstieg erspare ich euch hier. Nur eines: wir hatten Spaß. Wirklich! Die Skier haben wir exakt eine Stunde lang getragen. Dreißig weitere Minuten gehen wir auf Schnee. Ein letzter Anstieg – um sieben Uhr Abends fallen wir in die Gaststube der Essener und Rostocker Hütte. Dort wird gerade Nachtisch serviert. Schokokuchen. Nach 2.700 Höhenmetern fühlt sich das für mich an, als würde ich ins Gelobte Land eintreten.

4 comments on “Großglockner to go

  1. Allworxx_stay_tuned

    Eure Berichte sind einfach top 😄👍🏻👍🏻 Und Respekt an deine Kondition 😍👍🏻👍🏻👍🏻👍🏻

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  2. Hey, das sind ja mal fantastische Bilder und eine tolle Beschreibung.
    Danke dafür.

    Liebe Grüße aus dem Hunsrück
    Anita und Caudia

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    • Hallo Anita, hallo Claudia,

      Danke für eure lieben Worte. Die Tour auf den Glockner sollte man auf jeden Fall mal gemacht haben. Oder öfter 😉

      LG

      Susi

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