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Taschachhaus: Im Pitztal liegt die Kraft

Im hintersten Winkel des Pitztals liegt auf 2.400 Metern das Taschachhaus. Ein Spielplatz für alle Bergbegeisterten.

Die Hütte

Hüttenwirt Christoph betritt die Gaststube des Taschachhauses und drückt den Lichtschalter. Dunkelheit. Es ist schon spät. So teilt er den Gästen auf seine ganz eigene Art mit, dass es an der Zeit ist, sich schlafen zu legen. Nach einem 17-Stunden-Tag brauchen auch er und seine Frau Barbara endlich Ruhe.

Christophs Trick funktioniert. Langsam begeben sich alle ins Lager. Gegen kalte Füße nehmen besonders Frauen gerne eine Wärmeflasche bei Barbara für die Nacht mit. Nicht der einzige Luxus, der die Gäste am Taschachhaus erwartet.

Das Frühstück am nächsten Morgen ist üppig, abgestimmt auf die Anforderungen von Bergsportlern, die kurz darauf zu den umliegenden Gipfeln aufbrechen. Frisches Vollkornbrot, Müsli, Schinken, Käse, Tee, Kaffee – und davon so viel man will. Als Wegzehrung können noch eine Kanne Tee und Brot in den Rucksack gepackt werden.

Nach dem Frühstück wird es still auf der Hütte. Es sei denn, das Wetter lässt keine längeren Bergtouren zu. Dann wärmen sich die Gäste in der Stube auf, spielen Uno, essen hausgemachte Mehlspeisen oder trainieren im Keller in der ebenso minimalistischen wie feinen Kletterhalle für die nächste Gipfelwand.

Am Taschachhaus gönnt man sich gerne auch einen Tag Ruhe. Längere Zeit auf dieser Höhe machen langsam müde. Wenn am Nachmittag die Sonne hoch über dem Pitztal steht und sich der morgendliche Nebel verzogen hat, ist es deshalb besonders angenehm, sich in  Decken eingepackt in eine Hängematte zu kuscheln. Mit dem Blick auf die Wildspitze und den Taschachferner könnte man so wohl stundenlang daliegen und diesem einmaligen Ort Löcher ins Schiefergestein starren. Etwa auf Höhe der Hütte tritt ein Wasserfall aus dem Gletscher und stürzt über eine mächtige Felsstufe ins Tal. Das Rauschen des Eisbaches, die warme Sonne im Gesicht und das wohltuende Schaukeln der Hängematte lässt auch den zähesten Bergsteiger schläfrig werden. Aus den Träumen geholt wird man entweder von blökenden Schafen oder der Kälte, die langsam durch die Decken kriecht, wenn die Sonne hinter der Bliggspitze verschwindet. Dann wird es Zeit fürs Abendessen.

Der Tag endet, wie er begonnen hat – mit viel gutem Essen. Wer Halbpension gebucht hat, den erwartet am Abend ein viergängiges Menü: knackige Salate vom Buffet und bodenständige Küche, wahlweise vegetarisch. So kommen innerhalb einer Woche etwa ofenfrischer Schweinebraten, Spinatknödel, Griesnockerlsuppe oder Eispalatschinken auf den Tisch. Nach einem anstrengenden Tag am Berg bleiben selten Reste auf den Tellern zurück. In gemütlicher Gesellschaft klingt der Abend aus. Bis Christoph den Lichtschalter betätigt.

Die Umgebung

Tritt man am Morgen aus dem Haus, ist es der Taschachferner, der alle Blicke auf sich zieht. Unter der aufgehenden Sonne liegt er dunkel und bedrohlich eingebettet zwischen schroffen Felswänden und markanten Gipfeln. Wie die in den Alpen heimische Kreuzotter schlängelt er sich s-förmig von der Wildspitze bis nahe ans Taschachhaus ins Tal. In den vergangenen Jahren hat er über 90 Meter in seiner Länge verloren. Seine zurückgelassenen Moränen zeichnen als riesige Schutthaufen seinen früheren Verlauf nach. Während des Sommers haben sich gewaltige Gletscherspalten aufgetan, aus denen blitzblaues Eis schimmert. Die enorme Kraft, mit der der Ferner sein Eis ins Tal drückt, wird spätestens dann erkennbar, wenn man seine Windungen betrachtet. Dort stapeln sich die Eisberge wie zerklüftete Hochhäuser, die weiter unten langsam zerfallen und wieder vom Gletscher verschluckt werden.

Am Anfang des Gletschers sitzt – wie der Kopf der Schlange – die Wildspitze. Mit 3.770 Metern ist sie der zweithöchste Berg Österreichs. Die meisten Bergsteiger kommen hierher, um ihren Gipfel vom Taschachhaus aus zu erreichen. Die Tour führt über den Gletscher und den Westgrat der Wildspitze – vom Schwanz der Schlange bis auf ihren Kopf sozusagen. Die Wildspitze gilt als einfache Hochtour – der Gletscher ist allerdings von vielen Spalten durchzogen, weshalb es sich empfiehlt, eine Seilschaft zu bilden.

Weitere lohnende Touren in der Umgebung sind der Bruchkogel, die Petersenspitze, die Vordere und Hintere Ölgrubenspitze oder der Wurmtalerkopf. Erfahrenen Bergsteigern können auch die Nordwände der Wildspitze, Petersenspitze und des Bruchkogels empfohlen werden. Durch die nördliche Exposition halten sich hier auch über die Sommermonate Eis und Schnee hartnäckig. Eiskletterer stufen die Wände als leichte bis mittelschwere Touren ein.

Erfahrungen im Eisklettern kann man hierorts auch unterhalb von 3.000 Metern sammeln. Die Gletscherspalten, die sich an der Zunge des Taschachferners auftun, bieten das perfekte Terrain dafür. Wie scharfe Schnittwunden graben sie sich tief ins Fleisch des Gletschers und enthüllen Kletterwände in unterschiedlicher Steilheit: von leicht geneigt bis überhängend. Als Top-Rope-Variante ein Genuss für Bergsteiger-Kollegen, die noch unerfahren im Eisklettern sind. Wichtig: genügend Eisschrauben und Bandschlingen einpacken.

Wer sein Kletterkönnen erst noch festigen muss, kann auch dies im Umfeld des Taschachhauses tun. Das dunkle Schiefergestein erwärmt sich auch an sonntigen Herbsttagen noch. Drei gut eingerichtete Klettergärten sind an markanten Felsen unterhalb der Eiskastenspitze anzutreffen. Vom Taschachhaus muss man dazu nur dem Weg Richtung Wurmtalerkopf für etwa eine Stunde folgen und kann bei traumhafter Aussicht auf die Wildspitze seine Fingerfertigkeit an schuppenförmigen Griffen trainieren. Diese Plätze sind nur wenigen Kletterern bekannt, die Routen deshalb noch rau und jungfräulich. Die Schwierigkeiten der Routen werden nirgends angegeben, liegen aber etwa zwischen dem dritten und fünften Grad.

Man muss sich nicht immer ins Seil einbinden, um Klettererfahrungen zu machen. Bouldern heißt die Lösung für alle, die sich ungezwungen bewegen wollen. Verstreut über das gesamte Tal liegen große Felsblöcke, die nur darauf warten, dass jemand einen Boulder-Zug an ihnen vollführt.

Im tieferen Sinne

Im tieferen Sinne ist die Umgebung rund um das Taschachhaus nicht nur Ausgangspunkt für Berg- und Klettertouren. Wenn man sich längere Zeit hier aufhält, entwickelt sich die Gegend zu einem wirklichen Kraftort. Dieser Ort lässt Raum für verrückte Dinge – wie in einem Eissee zu baden. Er bietet aber auch Raum, um nachzudenken. Über die Natur, über seine Mitmenschen, oder über einen selbst. Es sind oft die kleinen Dinge, die die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen: das grün leuchtende Moos entlang eines Bachlaufes, die Blüten einer Alpenblume, die aus dem Schnee blitzen, die gewaltigen Gletscher, die sich ihren Weg ins Tal bahnen, oder das Lachen eines Bergkameraden, wenn er auf dem Gipfel steht. Der Abschied von hier fällt schwer, aber er muss sein.

Seit 24. September ist es finster am Taschachhaus. Christoph und Barbara haben alle Lichter abgedreht, die Fenster dicht gemacht und gönnen sich über den Winter eine Pause, um selbst dem Bergsteigen nachzugehen. Ab Juni sind die beiden dann wieder für ihre Gäste am Taschachhaus da.

Mein Kollege Lukas Prudky, seines Zeichens Outdoor-Fotograf und Drohnenpilot, hat die Gegend rund um das Taschachhaus ganz besonders in Szene gesetzt:

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