Bergtouren Touren

Piz Boè: Felstürme, Schluchten und ein Gipfel-Kakao

Die Tour auf den Piz Boè erfüllt sämtliche Dolomiten-Klischees: Eine Wanderung vorbei an schroffen Felstürmen und imposanten Wänden, über weite Plateaus und durch verwitterte Schluchten.

Auf den Piz Boè (3.152 m) führen viele Wege. Einer der längsten, aber landschaftlich eindruckvollsten führt vom Grödner Joch auf die Spitze des einzigen Dreitausenders in der Sella-Gruppe. Der Abstieg über das Mittagstal komplettiert diese Dolomiten-Wanderung.

Vom Grödner Joch auf die Sella-Hochebene

Nach einer sternenklaren Nacht, die wir im Kofferraum unseres Kombis am Parkplatz vor dem Gasthaus Farara auf dem Grödner Joch verbracht haben, stapfen wir noch vor Sonnenaufgang den ersten, mit Gras bewachsenen, Anstieg hoch. Die Wiesen sind nach der kalten Nacht mit Reif überzogen, wir warm eingepackt – auf über 2.000 Metern präsentiert sich der Morgen ungewohnt frisch.

Auf das kurze steile Stück folgt ein Quergang, der uns zum Einstieg in das Val Setùs führt. Diese Schlucht lässt uns zum ersten Mal die Dimensionen der Dolomiten spüren: zu beiden Seiten ragen schroffe Felstürme empor, die Wände sind dunkel, ihre Spitzen strahlen im Morgenlicht. Das Val Setùs bedecken Schotter und herabgestürzte Felsblöcke – Anzeichen von Jahrtausenden andauernder Verwitterung.

Wir durchqueren die Schlucht über zahlreiche Serpentinen. Zum Ende hin steigt der Weg stärker an. Einige Passagen müssen wir kletternd überwinden, der Steig ist aber zusätzlich mit Seilen versichert. Ausrutschen ist hier leicht möglich, weil man die Augen nicht von der Landschaft lassen kann, die einen immer wieder beeindruckt.

Nachdem wir die Schlucht durchstiegen haben, fällt der Steig bis zur Pisciadù-Hütte leicht ab. Vorbei am Pisciadù-See folgen wir weiter dem Weg 666. Bewacht von zwei großen Felstürmen durchsteigen wir ein mit Schotter überzogenes Kar und erreichen schließlich die Sella-Hochebene. Das weitläufige Plateau stellt einen starken Kontrast zu den engen Schluchten dar, die wir zuvor durchwandert sind. Unsere Blicke schweifen über die Mondlandschaft des Plateaus hinweg in die Ferne. Überall ragen die für die Dolomiten typischen Gebirgsgruppen auf. Endlich haben wir auch das Ziel unserer Tour im Blick.

Über das Rifugio Boè zum höchsten Gipfel der Sella

Das Sella-Plateau fällt bis zur Boè-Hütte leicht ab. Über einfaches Gelände halten wir auf den Zwischenkofel zu. Diesen Hügel kurz vor der Hütte kann man links (Weg 647) übersteigen, oder rechts (Weg 647 A) auf einem ausgesetzten, mit Seilen gesicherten Pfad umgehen. Wir entscheiden uns für die risikoreichere zweite Variante und erreichen trotz abschüssigem Gelände sicher das Rifugio Boè. Der Wirt befreit Tische und Stühle gerade vom Tau, über das Plateau pfeift ein kühler Wind. Es ist noch still zur frühen Stunde – auf dem Weg bisher sind uns nur zwei Wanderer begegnet.

Der Gipfel ist jetzt schon sehr nah, eine gute halbe Stunde noch zu gehen. Etwa auf halbem Wege gibt es eine kurze Passage mit Einbahnregelung, damit sich die Wanderer an der engen Stelle nicht in die Quere kommen.

Oben angekommen sind wir anfangs erstaunt über den Betrieb am Gipfel. Viele dürften bereits mit der Gondel vom Pordoi Pass aus hochgekommen sein. Das rege Treiben stört das Ambiente aber nicht: die Aussicht ist beeindruckend und wir gönnen uns einen Kakao auf der Terrasse des Rifugio Capanna Fassa, das sich direkt am Gipfel befindet.

Abstieg über das Mittagstal

Weil uns der gleiche Weg im Abstieg zu langweilig ist, wollen wir über das Mittagstal zurück zum Grödner Joch. Bis zur Boè-Hütte bleibt der Weg aber derselbe. Kurz nach dem Rifugio zweigt der Steig (651) ins „Val de Mezdì“ ab.

Der Tag sollte ähnlich enden, wie er begonnen hat. Erneut geht es durch ein schluchtenartiges Tal, das von verkarsteten Felstürmen eingerahmt wird. Allerdings ist der Steig um einiges anspruchsvoller. Beim Einstieg in das Mittagstal wird gewarnt, dass der Weg nur erfahrenen Bergsteigern zu empfehlen ist. Wir werden bald erfahren, warum.

Nach einem ausgesetzten, aber leicht passierbarem Einstieg, beginnt der Pfad stark abzufallen. Die Schlucht wird enger, steiler, finsterer. Aufgrund des fehlenden Sonnenlichts sind einzelne Passagen vereist. Kombiniert mit losem Geröll und sandigem Untergrund eine gefährliche Mischung. Ein Ausrutscher darf hier nicht passieren. Immer wieder lösen sich Steine von selbst ab und poltern durch die Schlucht nach unten. Wir versuchen, die Wegstücke in der Falllinie des Gerölls schnell hinter uns zu bringen. Hinzu kommt, dass der Steig aufgrund der Verwitterung teilweise nicht mehr erkennbar ist und die Sicherungsseile häufig ausgebrochen sind.

Hat man die ersten 20 Minuten hinter sich gebracht, präsentiert sich das Tal wieder friedlicher. Über lockeres Geröll surfen wir durch das „Val de Mezdì“, das jetzt um die Mittagsstunde direkt unter dem Zenit der Sonne liegt und sich hell erleuchtet vor uns ausbreitet.

Zurück zum Grödner Joch

Am Ende des Tals gewinnt das Grün wieder Oberhand. Dort zweigt auf einer Höhe von etwa 2.000 Metern links der Weg 29 B zum Grödner Joch ab. Etwa eine Stunde wandern wir durch lichte Lärchenwälder, bis unser Steig unterhalb des Val Setùs wieder auf den Weg 666 trifft. In die Hölle hat uns der Steig 666 nicht geführt – eher war es eine himmlische Tour auf einem der schönsten Wege in den Dolomiten.

Tourdaten

  • Dauer: rund 6 Stunden für Auf- und Abstieg
  • Höhenmeter: etwa 1.600 im Aufstieg
  • Länge: 17 Kilometer

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